Personalien

Museum sucht einen neuen Chef

"Mit Glück lässt sich im März eine Kandidatin oder ein Kandidat finden, der auch bereit ist, zu den gebotenen Bedingungen in die Bundeshauptstadt zu kommen; als ich von München nach Kassel wechselte, kam ich vor sechs Monaten nicht frei. Der Ministerpräsident Hans Eichel hat mit dem Oberbürgermeister von München, Ude, telefoniert, dass es nicht noch länger würde.

Ein halbes Jahr ist rasch, neun Monate sind normal für einen großen Wechsel." So antwortet Hans Ottomeyer, der scheidende Präsident des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Berlin, auf die Frage, ob man sich in seinem Haus auf eine längere Zeit der Führungslosigkeit einstellen müsse.

Ottomeyer wird am 15. März in den Ruhestand verabschiedet. Über seine Nachfolge ist noch nicht entschieden. Die zuständigen Gremien begannen im Spätherbst vergangenen Jahres überhaupt erst, sich mit dieser Frage zu beschäftigen. Eine von Kulturstaatsminister Bernd Neumann eingesetzte achtköpfige Findungskommission versucht in diesen Tagen in einem zweiten Anlauf, einen geeigneten Kandidaten zu finden. Es sei "schwierig, die großen Fachgebiete der Kunstgeschichte, Geschichte, Museumspraxis mit den Fallstricken der Verwaltung, Personalführung und den Bestimmungen über öffentliche Gebäude in Einklang zu bringen", sagt Ottomeyer aus eigener, teils leidvoller Erfahrung: "Es gibt nur ein Dutzend Personen, welche das können und noch weniger, die das auch in Berlin wollen." Er habe "immer besonders befähigte und kenntnisreiche jüngere Kollegen so gefördert und mit Aufgaben vertraut gemacht, dass sie in Führungspositionen hineinwachsen. Wenn nicht sofort, dann später."

Verschleppte Entscheidung

Aus diesen Worten könnte man fast Verbitterung herauslesen, wenn Ottomeyer nicht eine so offenkundig den schönen Seiten des Lebens zugewandte Natur wäre. Er hat Personalvorschläge gemacht. Offenbar sind sie nicht gehört worden.

Es wird also wohl mindestens Herbst werden, bis ein neuer DHM-Direktor installiert ist. Mit einer merkwürdigen Saumseligkeit wird die Führungsfrage einer der wichtigsten Kulturinstitutionen Deutschlands behandelt. Ottomeyer findet Gründe für die Verzögerungen: Die Umwandlung der Organisationsform des DHM von einer GmbH in eine öffentliche Stiftung habe Zeit gekostet. Erst nach der Bundestagswahl sei über die Besetzung des Kuratoriums und des wissenschaftlichen Beirates entschieden worden, "und dann kam das Jahresende und der Januar dazwischen". Der leise Spott ist nicht zu überhören. Neulich saßen Ottomeyer und sein Vorgänger Christoph Stölzl im Berlinale-Kino nebeneinander und wunderten sich darüber, dass die Nachfolgefrage kaum jemanden interessiere.

Während die Kulturpolitik sich einer Entscheidung entgegen schleppt, strömen die Massen ins Deutsche Historische Museum. 2010 war mit 909 000 Besuchern das erfolgreichste Jahr des Hauses. Wesentlich zu diesem Erfolg beigetragen hat die an diesem Sonntag zu Ende gehende Schau "Hitler und die Deutschen", für die allein 250 000 Eintrittskarten verkauft wurden. Doch auch ohne solche Publikumsmagneten gehört das DHM mit durchschnittlich 800 000 jährlichen Besuchern zu den Spitzen-Museen in Deutschland. Von der Kritik bemäkelt, vom Publikum jedoch angenommen, ist die 2006 eröffnete Dauerausstellung zur deutschen Geschichte im Zeughaus das Fundament solchen Erfolgs. Die gegen sie häufig vorgebrachte Kritik, sie behandle die jüngste deutsche Geschichte - NS-Zeit, deutsche Teilung, Wiedervereinigung - nicht angemessen, ist schwer nachzuvollziehen. Der Ausstellungsparcours führt durch 2000 Jahre "deutscher" Geschichte in Europa. Es gibt in Berlin diesen einen Ort, an dem diese Geschichte mit langem Atem und etwa 8000 nicht zur Illustration von Texten degradierten Objekten erzählt wird. Die Zeitgeschichte dagegen ist in Berlin nicht nur in Museen und Gedenkstätten überall präsent. Der Besucher des DHM vergisst in dem späten Barockbau Unter den Linden nie, dass er sich in der Mitte der deutschen Hauptstadt befindet. Die Beziehung der Geschichte zum Heute ist sinnfällig allein schon durch den musealen Ort.

Ottomeyer übernahm das DHM im September 2000. In seiner Amtszeit nahm es mit dem restaurierten Zeughaus und der Ausstellungshalle von I.M. Pei seine endgültige Form an. Bevor 2006 die neue Dauerausstellung eröffnet wurde, hatte es fast 20 Jahre lang nur als Idee und als provisorischer Ausstellungsbetrieb bestanden. Niemand kann Ottomeyer das Verdienst absprechen, diese in ihren Anfängen ja höchst kontroverse Idee aus der Sphäre geschichtspolitischer Diskurse in publikumsnahe Museumspraxis überführt zu haben.

Es bleiben aus seiner Amtszeit einige große Schauen in Erinnerung, die jeweils auch die Möglichkeiten ausleuchteten, Geschichte im Museum auszustellen. Der Pei-Bau wurde mit 2003 mit einer Ausstellung über die "Idee Europa" von der Pax romana bis zur Europäischen Union eröffnet. Im Jahr darauf war der Erste Weltkrieg als europäische Erfahrung dran. Unmittelbar darauf folgte "Mythen der Nationen", der Versuch das Jahr 1945 als eine Kampfarena der Erinnerungen darzustellen. Und natürlich widmete man sich zum 60. Jahrestag des Kriegsendes mit einer weiteren großen Schau speziell der deutschen Erinnerungspolitik. Die Doppelausstellung über das Heilige Römische Reich deutscher Nation kam in Kooperation mit dem Kunsthistorischen Museum Magdeburg zustande.

Die Macht der Bilder

Immer wieder ist Ottomeyer vorgeworfen worden, seine Interessen lägen für ein Historisches Museum zu sehr in der Kultur- und Kunstgeschichte. Wer das Ausstellungsglanzlicht "Die Erfindung der Einfachheit - Biedermeier" erlebt hat, wird mit diesem Vorwurf vorsichtig sein. Es täte dem DHM gut, wenn auch der Nachfolger Ottomeyers ein an Bildern und Objekten geschulter Kultur- und Kunsthistoriker wäre.

Der scheidende Präsident sieht einem höchst unruhigen Ruhestand entgegen. Er ist international ein gefragter Mann in Sachen Historischer Museen. Und die eine oder andere Ausstellungsidee hofft er auch noch verwirklichen zu können - Rassenwahn, Empire, Moloch Staat, Sprache der Dinge, Residenzen der Aufklärung, Nationaldenkmale.