Musik

Eine Joni Mitchell in Leder

Es war der entschieden einsame Klavierakkord, der, drei Takte nachhallend, die Kraft und Autorität der Songschreiberin Joan Wasser deutlich machte. Mit diesem Akkord, ihrer ausgereiften Altstimme und dem grandiosen Album "To Survive" trat sie vor knapp drei Jahren ins Rampenlicht.

Eine drahtige Amerikanerin mit einem Gesicht wie ein Adler und einer funkelnden Vita (Geigerin im Boston Symphony Orchestra, zeitweise Mitglied bei Antony & The Johnsons und in Rufus Wainwrights Band, Ex-Freundin des verstorbenen Jeff Buckley), stieg sie vom Flüstertipp zum Feuilletonthema auf. Alle wollen sie sehen. Das Konzert am Sonntag in Berlin musste vom Kreuzberger Lido Club ins größere Astra Kulturhaus verlegt werden.

Dabei ist "The Deep Field", das neue, dritte Album von Joan As Police Woman deutlich weniger magisch, weniger karg und kunstvoll. Eher wie Carly Simon. Oder Carole King. Oder, tja, wie Sheryl Crow. Die wäre vermutlich überglücklich mit perfekten Songs wie sie Joan Wasser schreibt - über die perfekten, mainstreamkompatiblen Arrangements sowieso. Was ist passiert? Joan Wasser hat sich vom Kammerpop ihrer Vergangenheit und ihres Umfeldes befreit, weitgehend untheatralisch und fröhlich klingt das, selbstbewusst, süffig und üppig instrumentiert. Radiotauglich. Aber unter der Klangfülle leben nach wie vor brillante Songs. Werden sie von ihren Arrangements entschlackt, wie bei Joan Wassers kleinen Soloprivatvorabkonzert im intimen Bassy Club in Prenzlauer Berg vor vier Wochen, dann zeigen sich wundervoll melodische Gerippe. Dann drängt sich auch wieder der Verweis auf Joni Mitchell auf, deren Tochter sie sein könnte. Dabei ist Joan Wasser heute weit entfernt von der glockenhellen Kopfstimmakrobatik und hauchzarten Sommerblumenkleidästhetik der berühmten Songwriter-Ikone. Joan Wasser trägt Leder, zumindest an jenem Abend in Prenzlauer Berg, schwarz wie ihr Haar und zusammengehalten einzig von einem durchgehenden Reißverschluss. Und - Joan Wassers Zunge reicht bis unters Kinn (ok, es war nicht zu recherchieren, wie weit Joni Mitchells Zunge reicht, aber Leder trägt sie definitiv nur mit Fransen dran). Dennoch trennt beide Künstlerinnen weniger, als sie verbindet - schließlich war das Blümchenkleid der Ledercatsuit der Woodstock-Generation. Sexuell aufgeladen und selbstbestimmt wie viele ihrer Songs. Was Joni Mitchell andeutet und verklausuliert, spricht Joan Wasser auf "Run For Love" und "Chemmie" aus. Hier geht es ziemlich explizit um das, was ihr beim Sex Spaß macht - eingebettet in hochausgefeilte, elegante Musik, gesungen von einer tiefen, seelenvollen Stimme.

Die zunächst irritierende Glätte des neuen Albums verbirgt eine sich erst nach und nach erschließende musikalische Komplexität. Eine sensationelle Leichtigkeit umgibt Joan Wasser und ihre Kompositionen, da ist nichts Schweres, keine Anstrengung, nicht in ihren raffinierten Harmoniewechseln, nicht in ihrem dramatischen Pianissimo, wenn sie nur noch wispert und die Klänge im Raum verwehen lässt, das Gesicht scheinbar schmerzverzerrt - aber, Irrtum, sie giggelt und macht plötzlich einen Scherz.

Aufsässige Tochter

In "I Was Everyone", dem furiosen Finale ihres neuen Albums lässt Joan Wasser ihren Vater sprechen: Girl, you are the chosen one (Mädchen, du bist die Auserwählte), sagt er und tauft sie Joan - in Erinnerung an Jeanne d'Arc, dem gepanzerten Urbild weiblicher Selbstbestimmung. Fast flehendlich antwortet die Tochter, 580 Jahre nach dem Tod ihrer Namespatronin: I know everyone wants to be remembered (Ich weiß, jeder will erinnert werden). Und, ganz sicher, sie grinst angesichts der Monstrosität der väterlichen Erwartung. Die Dramatik hat etwas Komisches, fast Slapstickhaftes. Und die Band scheint am Ende dieses jedes Singleformat sprengenden Songs tatsächlich über die eigenen Beine zu stolpern. Von ganz fern weht da auch wieder Joni Mitchell herein. In deren "Let The Wind Carry Me" nimmt der Vater die aufsässige, zuviel Lidschatten auftragende Tochter gegen ihre frustrierte Mutter in Schutz: Leave the girl alone, she's looking like a movie-queen (lass das Mädchen in Ruhe, sie sieht wie ein Filmstar aus).

Das war 1972, die Konflikte und Ratschläge andere, aber der Vater ähnlich anspruchsvoll im Bestaunen seiner sich emanzipierenden Tochter. Joni Mitchell darf man sich allerdings nicht grinsend, man muss sie sich weise lächelnd vorstellen. Und gestolpert ist ihre Band leider nie.

Astra Kulturhaus , Revaler Straße 99, Friedrichshain. Konzert von Joan As Police Woman am 27. Februar, 20 Uhr.