Theater

Die eigentümliche Karriere eines Muster-Migranten

Er hat es geschafft: Nurkan Erpulat ist mit seiner Inszenierung von "Verrücktes Blut" zum Theatertreffen 2011 eingeladen. Mit einem Stück also, das er im Herbst zusammen mit dem Ex-Schaubühnen-Dramaturg Jens Hillje entwickelte und als Koproduktion zwischen Ruhrtriennale und dem Berliner Ballhaus Naunynstraße inszenierte. Darin nimmt - frei nach einem französischen Film - eine überforderte Lehrerin ihre chaotischen Schüler "mit Migrationshintergrund" als Geisel, um ihnen endlich mal was über Friedrich Schiller beizubringen.

Nebenbei demontiert Erpulat Integrationsklischees, romantische Multikulti-Vorstellungen und politisch korrekte Denkverbote. Hartnäckig gilt der 36-Jährige als Held des postmigrantischen Theaters. Dabei ist Erpulat vielmehr Spezialist für deutsche Probleme: "Ich reagiere nie als Experte der Migrantenwohnzimmer, sondern als der Experte des lächerlichen Blicks darauf", sagt er. Migration sei kein Thema, höchstens ein Überthema: "Wenn zum Beispiel die Helden einer Liebesgeschichte Ali und Aische heißen, ist das Thema die Liebe."

Auch Erpulats Biografie verführt zu Missverständnissen. Auf den ersten Blick lässt sie sich als mustergültige Integrationsstory lesen: ein Türke, der es geschafft hat - in der deutschen Hochkultur! Aber auf den zweiten Blick sieht es anders aus. Erpulat stammt nämlich aus einer gutbürgerlichen agnostischen Familie. Weil die Familie alle zwei Jahre umziehen musste, verbrachte das "Wohnzimmerkind" seine freie Zeit mit Videos von US-Musicals. Er qualifizierte sich für ein Architekturstudium an der besten türkischen Universität. Eigentlich ein Volltreffer. "Aber mit 18 habe ich gemerkt: Ich bin hier nicht richtig." Als er mit 19 in Izmir zum Schauspielstudium zugelassen wurde, waren seine Eltern nicht gerade begeistert.

Selbstironie und Komik

Nach Deutschland kam er, weil er Regie studieren wollte, wie ihm bald nach Studienbeginn klar wurde - und zwar im Herzen Europas. Eher zufällig landete er in Berlin. Der Anfang war hart: Mit Putz- und Renovier-Jobs finanzierte er sich den Deutschkurs und Theaterkarten. Von der Mehrheitsgesellschaft wie von der türkischen Gemeinschaft wurde er regelmäßig daran erinnert, dass er ganz unten auf der sozialen Leiter stand. Hilfe und offene Arme fand er vor allem in der schwulen Community. Aus seiner Erfahrung, dass man als schwuler Türke in Deutschland weit stärker akzeptiert wird denn als heterosexueller ("Zwei mal Minus macht ein halbes Plus"), entstand seine erste Erfolgsproduktion: Gemeinsam mit Tunçay Kulaoðlu destillierte er aus Interviews das Doku-Stück "Jenseits - Bist du schwul oder bist du Türke" und inszenierte es 2008 am Hebbel am Ufer (HAU).

Und zwar mit Selbstironie und handfester Komik. Klischees findet Erpulat dafür äußerst fruchtbar. Auch für "Verrücktes Blut": "Natürlich spielen die Schauspieler eine schlechte Kopie der Kanakenkinder. Das ist sehr dick aufgetragen und auch so gearbeitet." Mindestens ebenso wichtig ist für Erpulat Musik als Stilmittel. In "Verrücktes Blut" schafft er mit vom Ensemble gesungenen deutschen Volksliedern eine traumhafte Reflexionsebene. Als Vorbilder nennt er Christoph Marthaler und Sebastian Nübling, zwei Regisseure, in deren Arbeiten (Live-) Musik ein elementarer Bestandteil ist.

Prägend waren auch Dimiter Gotscheff, Thomas Ostermeier und Horst Hawemann. Der Regisseur und Autor unterrichtete an der Universität der Künste, wo Erpulat von 2001 bis 2003 Theaterpädagogik studierte. Was als Zwischenlösung begann, weil Erpulats Deutschkenntnisse noch nicht fürs Regiestudium reichten, erwies sich als Gewinn: "Handwerklich habe ich dort sehr viel gelernt."

Danach wurde er von der Ernst Busch Hochschule als Regiestudent angenommen - als erster Türke überhaupt. Anfangen konnte keiner etwas mit ihm: Die Dozenten ließen ihn nicht an einem Shakespeare-Seminar teilnehmen, weil sie der Ansicht waren, es müsse ihm an ausreichenden Kenntnissen und am Zugang zu dem Stoff mangeln. "Dabei hatte ich mich in Izmir schon intensiv mit Shakespeare beschäftigt!" Von den Projekten, die er zwischen 2003 und 2008 realisierte, entstand bezeichnenderweise nur eins am bat, der hochschuleigenen Studiobühne.

Oft habe er, direkt und indirekt, den Ratschlag bekommen: "Geh in deine Heimat, hier kriegst du eh keinen Job." Das macht ihn heute noch sauer. So war es ein Glück, dass Erpulat beim Migrationsthema gelandet ist. Nicht von sich aus: "HAU-Chef Matthias Lilienthal und Shermin Langhoff haben mich da hingeführt." Langhoff leitet seit 2008 das Kreuzberger Ballhaus Naunynstraße. Bei Erpulat hat es als Sprungbrett funktioniert. Mittlerweile geht er mit seiner Rolle als Migrationsexperte locker um, auch, weil sich keine der für die nächste Spielzeit vereinbarten vier Produktionen ums Überthema dreht. Wie ein Befreiungsschlag wirkt auch Erpulats jüngste Inszenierung. In den Kammerspielen des Deutschen Theaters entwickelte er mit Dorle Trachternach und jugendlichen Laienschauspielern das interkulturelle Projekt "Clash", in dem er einige Thesen aus Thilo Sarrazins "Deutschland schafft sich ab" mit der Story aus dem Film "Planet der Affen" kreuzt und so auseinandernimmt: Die Affen (= Muslime) beherrschen die Welt, weil sie Sarrazins neodarwinistische Thesen befolgten. Einmal versuchen die Aufgeklärteren unter ihnen, sich mit den verbliebenen Hartz-IV-Menschen so lange zu paaren, bis alle Wesen nur noch eine Hautfarbe haben. Doch die Weltrettung schlägt fehl, weil die Hardcore-Islamisten die Party mit Waffengewalt stürmen. Erpulat lässt alle Argumente der Debatte einmal durchkauen und ausspucken, als wolle er sich mit diesem Rundumschlag zumindest vorerst von ihr verabschieden. Dass aus so vielen Klischees ein packender Abend wird, könnte auch an Erpulats Regie-Formel liegen: "Komplexe Sachen baut man mit einfachen Mitteln. Es kommt darauf an, wie man sie stapelt."