Opernkritik

Der letzte Schrei der Revolution: Henzes "El Cimarrón"

Es gab sie schon immer: die Sehnsucht nach der Revolution. Gerade lebt sie sich wieder in Nord-Afrika aus. Gleichzeitig fährt sie die Erinnerung an die Kuba-Krise hoch, die Intellektuelle und Künstler schier unwiderstehlich anlockte.

Sie wurden geradezu zu Sklaven der Revolutionsfantasie, die sich nun in der Werkstatt des Schiller-Theaters durch die Staatsoper frisch ausleben kann. Hans Werner Henze, demnächst 85, hat ihr vor rund 40 Jahren mit seinem Rezital "El Cimarrón" ein klingendes Denkmal gesetzt. Es findet reichen Beifall im dicht gefüllten, herzlich unbequemen Saal aus alt gewordenen Händen.

Enzensberger hat Henze den Text für seine Revolutionskantate geschrieben, die sich auf die Lebenserinnerungen eines entlaufenen Sklaven stützt: einen Bericht der Ängste und Nöte in den Baracken der Zwangsarbeit, der Urwald-Einsamkeit und der Rebellion. Die Schilderungen sind alles andere als ein Spaß. Und das ist auch Henzes Musik nicht. Sie stützt sich kammermusikalisch auf nur vier Musiker: drei Instrumentalisten und einen Rezitator. Hubert Wild übernimmt die herausfordernde, jaulende, schreiende, wispernde Berichterstattung über die Unsäglichkeit seines Sklavenlebens.

Das Ensemble Quillo steht Henze dabei hochvirtuos zu Diensten. Sophia Simitzis hat sich des Recitals inszenatorisch angenommen. Sie hat Heta Multanen die Herstellung niedlicher Videos übertragen, die den bunten Urwald durchhüpfen: Gegenbilder zur blutigen Grausamkeit der musikalischen Erzählung. Dennoch liegt das Schwergewicht auf der Intensität der musikalischen Darstellung. All der inszenatorische Krimskram ist nur herzlich entbehrliches Beiwerk zur fantastisch hochkarätigen Klang- und Ausdrucksgewalt, die Henze musikalisch herbeizwingt.

Staatsoper im Schiller-Theater, Bismarckstraße 110, Charlottenburg. Tel. 20 35 45 55. Termine: Heute, 27. 2., 1. und 4. 3., 20 Uhr.