"Madame Bovary"

Die Mustergattin kann auch ganz schön giften

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Im Foyer ein Berlinale-Anblick: Seit zwei Stunden stehen Fehling-Fans im Maxim Gorki Theater, um noch eine Karte für "Madame Bovary" zu ergattern. Berlinale-Shooting-Star Alexander Fehling spielt Charles Bovary, einen Landarzt, der die schöne Pächterstochter Emma (Julischka Eichel) heiratet.

Emma ist getrieben von Lebensgier, für sie wartet das Glück immer hinter der nächsten Ecke. Die Rolle der Arztfrau genügt ihr bald nicht mehr, sie findet Charles langweilig und seinen Wohnort zum Ersticken. Ein Umzug soll ihre Depression kurieren, doch in Yonville fängt alles von vorn an. Eine Weile ist Emma glücklich, dann wird sie unzufrieden, stürzt sich in Affären, verschuldet sich bei der Luxus-Krämerin Lheureuse (Sabine Waibel) und sieht am Ende nur den Selbstmord als Ausweg.

In einem unschuldig weißen Spitzenkleid ehelicht Emma ihren Charles zu Beginn des Abends. Am Ende trägt sie in schamloser Prunksucht ein riesenhaft aufgebauschtes, blutrotes Kleid (Kostüme: Jessica Rockstroh). Inmitten des Tüllbergs sinkt sie auf der Bühnenschräge zusammen und beschreibt mit irrendem Blick, aber fester Stimme, wie sich Emma mit dem Skalpell ihres Gatten zu Tode schneidet. In der Vorlage, Gustave Flauberts 1856 erschienenem Roman "Madame Bovary", stirbt Emma qualvoll langsam an einer Arsenvergiftung. Ein Tod "auf weibische Art" scheint das der Emma in Tina Rahel Völckers Theaterfassung. Sie zerwühlt mit dem Skalpell ihre Schönheit, das Kapital, von dem sie zehrte, und das interpretieren Völcker und die Regisseurin Nora Schlocker als einen Akt feministischer Freiheit.

Freiheit ist Mitte des 19. Jahrhundert das eigentliche Luxusgut im Leben einer verheirateten Frau. Finanziell völlig abhängig von ihrem Mann, steht eine berufliche Selbstverwirklichung außer Frage. Emmas Sehnsucht nach dem prallen Leben und der wahren Liebe bleibt im Dasein als Hausfrau und Mutter ungestillt. Julischka Eichel zeigt in nuanciertem Spiel, wie Emma verschiedene Frauenrollen ausprobiert und keine für sich passende findet. Maßlos werden ihre Gefühlsumschwünge. Einmal ist sie die liebend-anhängliche Mustergattin, die ihrem Charles den Arm streichelt, dann die unkompliziert-fröhliche Arztfrau, die im Kreis der Dorfbewohner mit ihrem künftigen Geliebten Leon (Albrecht Abraham Schuch) Smalltalk betreibt. Sie kann aber auch übergangslos einen giftigen Streit vom Zaun brechen, wenn Charles auf fehlende Finanzmittel hinweist, und ist wieder eine schale Hoffnung enttäuscht, treten ihr Tränen in die Augen. Zum Ende ist sie eine abgeschmackte Kokotte, die sich ihrem Geliebten hechelnd auf allen Vieren andient.

Zu Flauberts Zeiten war die Darstellung dieses Werdegangs ein Skandal. Der Autor wurde wegen des Verstoßes gegen die guten Sitten sogar angeklagt. Heute mag Emmas Abstieg Mitleid erregen, das Buch ist allemal lesenswert, aber anstößig ist die Handlung nur noch bedingt. Tine Rahel Völcker und Nora Schlocker wollen im Roman bis heute gültige Geschlechterbilder entdeckt haben. Mit ihrer lediglich sprachlich aktualisierten, handlungstreuen Nacherzählung der Vorlage handeln sie sich jedoch ein reichlich angestaubtes Frauenbild ein. Sticken, Zeichnen und Nähen gehören nicht mehr zur Ausbildung einer heiratsfähigen Frau, auch finanzielle Abhängigkeit ist nicht mehr das vordringliche Thema. Debattieren wir nicht eher über die Verteilung von Erziehungsaufgaben, die Frauenquote in Führungspositionen oder eklatante Lohnunterschiede? 150 Jahre alte Beispiele bringen die Gleichberechtigung nicht voran.

Nach drei Stunden ist man ermüdet. Und Alexander Fehling? Der steht die meiste Zeit recht blass auf der Bühne herum, ringt die Hände, schaut in die Ferne, presst sich seine Sätze ab. Auf der Bühne entwickelt er kaum Präsenz. Es ist kein Abend für Fehling-Fans. Und für Flaubert-Fans ebenso wenig.

Maxim Gorki Theater , Am Festungsgraben 2, Mitte. Tel. 20 22 11 15. Termine: 25. Februar, 3., 20. & 28. März, 2. April, 19.30 Uhr