"Der ganz große Traum"

Wie der Ball nach Deutschland kam

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Aamir Khan, der gerade in der Berlinale-Jury saß und in Berlin weithin unerkannt blieb, wiewohl er doch in Bollywood einer der größten Stars ist, dieser Aamir Khan hat vor genau zehn Jahren einen Film produziert, der von einer seltsamen Sportart handelte. Und davon, wie man sie erlernen musste.

"Lagaan - Es war einmal in Indien" spielte Ende des 19. Jahrhunderts; die Briten stellten eine Wette auf, wonach Bewohnern eines armen Dorfes die Steuern erlassen werden, wenn sie die Kolonialherren im Cricket-Spiel besiegen. Also mussten die armen Inder einen ihnen völlig unbekannten und absurd anmutenden Sport meistern, fanden aber über den Teamgeist sogar kastenübergreifend zueinander. Und besiegten am Ende die Briten. Es schadet nicht, es erhöht vielmehr den Reiz des Films, wenn man weiß, dass Indien eine große Cricket-Nation ist. Oder, wie das der Buchautor Ian Buruma einmal formuliert hat: "Cricket ist ein indisches Spiel, das zufällig von den Engländern entdeckt wurde."

Fußball als moderne Pädagogik

Genau zehn Jahre später gibt es nun ein deutsches Äquivalent dazu. Auch "Der ganz große Traum" - der gestern in Berlin Premiere feierte und morgen in unsere Kinos kommt - spielt ebenfalls Ende des 19. Jahrhunderts. Auch hier lernen die Einwohner einer kleinen Stadt einen ihnen völlig fremden und absurd anmutenden Sport von den Briten. Sie lernen ihn indes so gründlich deutsch, dass sie die Briten am Ende besiegen. Und wieder ist das die Stunde Null einer großen Sportnation: Fußball, so möchten wir Ian Burumas Worte abwandeln, Fußball ist ein deutsches Spiel, das nur zufällig von den Engländern entdeckt wurde.

Wir befinden uns in Braunschweig anno 1874. Genauer: im Martino-Katharineum, einem Gymnasium, das der Oberklasse vorbehalten bleibt. Das einzige Proletarierkind, das hier Aufnahme gefunden hat, wird ständig von seinen Mitschülern drangsaliert, und auch der mächtige Förderverein möchte ihn baldmöglichst hinauswerfen. Denn wenn das Schule machen würde, wäre das ja der Anfang vom Ende der bestehenden Gesellschaftsordnung. Auch sonst wird hier überwiegend mit der Rute gelehrt. Daten historischer Siege, vor allem aber Zucht und Ordnung werden den armen Pennälern eingetrichtert und eingeprügelt. Auf dass sie Soldaten werden und siegen lernen. Der Sportunterricht richtet sich ganz nach den Lehren von Sportvater Jahn, mit Pferd und Bock und Medizinball. Und der Sportlehrer nutzt die Pfeife wie die anderen Oberstudienräte die Rute.

Doch da kommt eine neue Lehrkraft an die Schule, der das ganze obrigkeitshörige System gehörig ins Wanken bringt. Konrad Koch (Daniel Brühl) war als Lehrer in England, und ganz anders als den Indern in "Lagaan" erschien ihm die Insel als Gelobtes Land, lernte er hier doch Demokratie und Fair Play und Comradship kennen. Von der Insel hat er auch etwas mitgebracht, das noch eine ganze Weile lange verpackt bleibt, das er aber schon mal sentimental in Händen hält und einmal sogar mit ins Bett nimmt.

Herr Koch soll den Pennälern Englisch beibringen. Das ist schon radikal modern in einer Zeit, in der sonst nur tote Sprachen gepaukt werden. Aber weder die Pennäler noch die Lehrkörper - abgesehen vom freigeistigen Direktor (Burghardt Klaußner) - verstehen so recht, wozu das nütze sein soll. Wenn überhaupt, dann wird man die Insel überrennen wie jüngst den Nachbarn Frankreich. Wozu da kommunizieren? Folgerichtig hören die Schüler dem neuen Lehrer erst mal gar nicht zu, vor allem, macht er doch auch nicht von der Rute Gebrauch. Und der Neue bekommt sehr schnell mit, welche Hackordnung in den Schulbänken herrscht. Da versucht er es mit einer neuen, unkonventionellen Pädagogik. Und das ist der Moment, wo er sein Mitbringsel auspackt.

Es ist ein seltsamer, flickenartig gebastelter Ball, den er da enthüllt. Viel kleiner und leichter als ein Medizinball. Was bitte soll man mit dem anfangen? Aber Herr Koch bringt es ihnen in der Turnhalle bei. Ausgerechnet der Proletarier weiß am besten zu kicken und das Wort "Goal" auszusprechen. Das reizt nun die anderen, ihn zu überbieten. Und so lernt eine Nation ihren Lieblingssport.

Keine Frage, dass die verkrustete Lehrerschaft, wie gegen alles Neue, auch erst mal gegen das Ballspiel Sturm läuft und dieses "Affentum", diese "Engländerkrankheit" auf dem Schulhof mit aller Strenge verbietet. Aber siehe da: Die Schüler treffen sich rein zufällig im Park, der Lehrer trägt ebenso zufällig seinen Ball spazieren. Der Fußball wird so zum Urknall der Moderne: zum liberalen Moment, zum Aufbegehren gegen den "bloody German Gehorsam", zum Vorausahnen grunddemokratischer Züge, dem eine Rebellion, eine Jugendrevolte innewohnt.

Regisseur Sebastian Grobler und seine Drehbuchautoren Philipp Roth und Johanna Stuttmann nehmen es nicht immer so genau mit den historischen Fakten. In Wahrheit war Konrad Koch, dessen 100. Todestag es am 13. April zu gedenken gilt, nie in England. Und in der Verkürzung könnte man nach der Sichtung ihres Filmes annehmen, nicht der Erste Weltkrieg habe das Kaiserreich mitsamt seiner Weltordnung zu Fall gebracht, sondern der Bolzdrang der teutonischen Jugend.

Der Club der flotten Bolzer

Wir wollen Grobler, Roth & Stuttmann nicht unterstellen, sie hätten "Lagaan" gesehen. Sie kupfern dafür recht ungehemmt bei einem anderen, hierzulande bekannteren Film ab. Zumindest erinnert "Konrad Koch" in seinen besseren Momenten immerzu an "Der Club der toten Dichter", in dem Robin Williams ebenfalls einer unterdrückten Schülerschaft Selbstbewusstsein und Selbstverwirklichung beibrachte (hier in Form von Poesie). Immer wieder aber meint "Konrad Koch" auch an die ur-deutsche Tradition der "Pauke"- und "Pennäler"-Streifen der Siebziger anknüpfen zu müssen, was sich pädagogisch, nun ja, ein wenig im Wege steht und den "Ganz großen Traum" doch etwas kleiner macht.

Dennoch ist dies ein weitgehend sehr vergnüglicher, augenzwinkernder Film, den man sich sogar unbeschwert ansehen kann, wenn man mit Fußball nicht so viel am Hut hat. Und er lässt am Ende sogar bereits erahnen, woran der Sport heute am meisten leidet: dass ihn gierige Menschen nur als Geschäft verstehen, um möglichst viel Geld zu scheffeln.