Interview mit Asghar Farhadi

"Gefahr ist längst Teil unseres Lebens"

So eine Begeisterung, so einen Konsens aller Kritiker hat man auf der Berlinale lange nicht erlebt. Nach der Vorführung des iranischen Wettbewerbsbeitrags "Jodaeiye Nader and Simin" stand fest: Diesem Film gebührt der Goldene Bär. Gestern Abend hat er nicht nur diesen, sondern überraschend noch zwei weitere Preise erhalten. Asghar Farhadi (39) ist der große Gewinner der diesjährigen Berlinale. Mit dem iranischen Regisseur hat Omid B. Azadi gesprochen.

Berliner Morgenpost: Herr Farhadi, man hätte Ihnen direkt nach der Vorführung zum Goldenen Bären gratulieren können - so einhellig wurde Ihr Film bejubelt.

Asghar Farhadi: Vielen Dank für das Kompliment. Ich bin wirklich überrascht. Mit der Auszeichnung hätte ich nicht gerechnet.

Berliner Morgenpost: Hat die iranische Regierung den Film vorab gesichtet, zensiert, abgenickt?

Asghar Farhadi: Dieser Film wurde unabhängig produziert, die Regierung hat die Dreharbeiten in keiner Weise unterstützt oder mitfinanziert. Die Kunst besteht darin, Filme so zu gestalten, dass die Regierung gar keinen Grund bekommt, sie zu zensieren - so habe ich es auch in meinen früheren Filmen getan. Man muss die Themen subtil behandeln und mehrschichtig sein. Bisher hat sich die Regierung noch nicht zu meinem Film geäußert. Aber das kann ja noch kommen, das weiß man ja nie.

Berliner Morgenpost: Wie genau haben Sie es angestellt, der Zensur zu entgehen?

Asghar Farhadi: Vielleicht sollte ich es besser nicht verraten. Der Trick besteht darin, dass ich keinerlei Botschaft oder Manifest abgebe, nichts werte und nicht Position beziehe, sondern es völlig dem Zuschauer überlasse, sich eine Meinung zu bilden. Auf diese Weise ist das Filmemachen recht unproblematisch. Sobald man eine Haltung proklamiert, wird es schwierig.

Berliner Morgenpost: Das hat Jafar Panahi nicht anders getan, dennoch wurde er zu sechs Jahren Haft und 20 Jahren Berufsverbot verurteilt. Haben Sie keine Angst, dass Ihnen ähnliche Konsequenzen drohen?

Asghar Farhadi: Wir bewegen uns längst jenseits der Gefahr. Die Gefahr ist zu einem Teil unseres Berufs und unseres Lebens geworden. Ich habe bisher Glück gehabt und wurde in Frieden gelassen. Aber selbst wenn sich das ändert, möchte ich das nicht auf den Zuschauer abwälzen. Der Druck, unter dem ich stehe, geht die Zuschauer nichts an. Ich habe mir diesen Beruf ausgewählt, mit all seinen Widrigkeiten. Ich trage die Last der Gefahr, nicht die Zuschauer.

Berliner Morgenpost: Wie ist Ihre Haltung bezüglich Panahi?

Asghar Farhadi: Die meisten kennen Panahi nur durch seine Filme, ich kenne ihn persönlich und bin daher noch bedrückter. Am Tag, als in Berlin die Solidaritätskundgebung für ihn stattfand, habe ich mich am Telefon von ihm verabschiedet, um nach Berlin zu fliegen. Die Traurigkeit, die ich dabei empfand, war immens, denn ich reiste dorthin, wohin er nicht reisen durfte.

Berliner Morgenpost: Konnten Sie sich auf die Berlinale konzentrieren, wo gerade im Iran der Kampf um Freiheit erneut aufflammt?

Asghar Farhadi: Sobald ich in Tegel gelandet war, suchte ich ein Internetcafé, um zu verfolgen, was im Iran los ist. Als ich im vergangenen März hier war, habe ich von Berlin auch kaum etwas mitgekriegt, weil ich mich nur auf die Nachrichten gestürzt habe. Es ist interessant: Sobald ich das Land verlasse, schaue ich viel aufmerksamer hin, was im Land vor sich geht.

Berliner Morgenpost: Die "grüne Bewegung" hat gezeigt, wie leidenschaftlich und gewaltfrei junge Menschen bereit sind, für Freiheit zu kämpfen.

Asghar Farhadi: Ich bin sehr froh darüber, in genau diesem Land geboren zu sein. Ich kann mir nicht vorstellen, in einem ruhigen Land zu leben, wo ich nicht dauernd mit neuen Widrigkeiten konfrontiert wäre. In der Schweiz wäre ich wohl kein guter Filmemacher. Vielleicht wäre ich dort Manager einer Schokoladenfabrik ....

Berliner Morgenpost: Ist Ihr Film apolitisch? Der Ausgangspunkt ist die Trennung eines Paares, weil die Frau gegen den Willen ihres Mannes das Land verlassen will, um der Tochter eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

Asghar Farhadi: Der Film funktioniert auf mehreren Ebenen. Vielleicht sieht ihn jemand ausschließlich von der politischen; psychologischen oder ethischen Ebene - ganz seinem Charakter entsprechend. Wenn man den Film aus einer gesellschaftlichen Perspektive sieht, hat er sicherlich eine politische Bedeutung, weil zwischen Mittel- und Unterschicht ein Krieg herrscht. Dennoch unterscheidet er sich immens von üblichen politischen Filmen, weil darin keine Botschaft, kein politisches Postulat abgegeben wird.

Berliner Morgenpost: Ihre Familie ist ebenfalls in den Film involviert, Ihre Tochter Sarina spielt die Rolle der Tochter Termeh ...

Asghar Farhadi: Meine Frau Parisa Bakhtavar ist auch Filmemacherin und hat zum Beispiel "Dayereh-ye zangi" inszeniert, wir haben uns an der Kunsthochschule kennengelernt. Sie und die Kinder haben mich nach Berlin begleitet.

Berliner Morgenpost: Wie lange könnten Sie denn vielleicht hier bleiben wollen?

Asghar Farhadi: Das kann ich noch nicht sagen. Sarina, unsere Zwölfjährige, wird hier zur Schule gehen, die Zweijährige zum Kindergarten, ich selbst werde zwischen dem Iran und Berlin pendeln. Die Diskussion im Film, ob man wegen der Kinder ins Ausland sollte, habe ich also auch geführt. Erst war ich sehr dagegen, mittlerweile sehe ich ein, dass es gut wäre, wenn die Kinder neue Wege gehen könnten.

Berliner Morgenpost: Die Idee zu Ihrem Film, verrieten Sie, sei Ihnen in einer Berliner Küche gekommen.

Asghar Farhadi: Ich war im März hier, um einen anderen Film zu drehen. Eines Tages saß ich in der Wohnung von Freunden in der Nähe vom Alexanderplatz in der Küche, als ich von nebenan iranische Musik hörte. Da wurde mir klar, dass ich so schnell wie möglich zurück muss, um im Iran einen ganz anderen Film zu machen. Zwei Tage später flog ich nach Teheran und habe mit "Nader and Simin" begonnen.

Berliner Morgenpost: Ihre Schauspielerinnen haben bei der Pressekonferenz in Berlin Kopftuch getragen. Warum?

Asghar Farhadi: Ich weiß nicht, ob sie befürchten, sie könnten sonst eventuell im Iran Probleme bekommen, oder weil es tatsächlich ihrer religiösen Überzeugung entspricht. Aber ich finde, jeder sollte das Recht haben, sich so zu kleiden, wie er möchte.

Berliner Morgenpost: In Ihrer Geschichte sind es die Frauen, die die entscheidenden Wendungen herbeiführen. Stellen sie auch in der iranischen Gesellschaft so stark die Weichen?

Asghar Farhadi: Das falscheste Bild über den Iran ist das der Frauen. Der gesellschaftliche Beitrag der Frauen in der iranischen Gesellschaft ist unbeschreiblich groß, sie sind sehr aktiv, führen viele politische Bewegungen an und stellen über 60 Prozent der iranischen Studenten. Nach meiner Ansicht werden die Frauen die Zukunft des Iran bestimmen.