Philharmonie

Sir Simon Rattles Recherche mit dem Taktstock

Sir Simon Rattles Auftritte an der Spitze der Philharmoniker werden immer faszinierender. Er dirigiert nun nicht mehr, er forscht die Stücke, die er aufführt, mit dem Taktstock aus. Er versucht, ihnen bis aufs Detail auf die Schliche zu kommen.

Das macht seine Aufführungen so spannend. Keine Sekunde lang nagen sie an der Herkömmlichkeit. Sie schöpfen rundum aus der Fülle. Sie freuen sich über die Entdeckungen. Sie jauchzen sie geradezu in den Saal, und der jauchzt prompt zurück.

Dabei geht Simon Rattle nie ranschmeißerisch ans Werk. Er ist immer bedachtsam und folgt allen Vorschriften, mit denen Gustav Mahler wohl durchaus nicht gespart hat. Tatsächlich schreibt Mahler mit seiner 4. Sinfonie geradezu eine Apotheose der langsamen Sätze. "Nicht eilen", heißt es dort, "ohne Hast", "ruhevoll", "sehr behaglich".

Rattle findet sich mit tausend Finessen ausdruckssatt zuhause in der oktroyierten Gemächlichkeit. Sie wird unter seiner Hand leidenschaftlich beredt und Takt für Takt überzeugend. Nun steht ihm für den Schluß-Satz allerdings auch eine Sopranistin zur Verfügung, die tatsächlich die von Brentano und Achim von Arnim nach Wunderhorn-Muster verordneten "himmlischen Freuden" zu säen und zu singen weiß. Christine Schäfers klarer und unerschütterlich hoher Sopran grast dann in vokaler Seelenruhe genüsslich die Singwiese ab. So geht es sonst nur zu in Ferien, in denen selbst die Kunst sich zu erholen versteht.

Begonnen hatte Sir Simon sein Programm an diesem Abend in der Philharmonie mit Strawinskys "Apollon musagète", einer Ballettmusik ausschließlich für Streicher, der man keinen Augenblick anhört, dass ihre große Noblesse ausgerechnet nach der großen Tanzbühne schreit. Georges Balanchine hat ihr die angemessene wundervolle Choreographie erfunden. Der einzige Nachteil: in der Philharmonie hat das Orchester allein zu tanzen.