Retrospektive Bridget Rileys

Die Wiederkehr einer großen englischen Malerin

Schon mal Sternchen gesehen beim Anblick von Streifenbildern? Es erscheint durchaus möglich angesichts der Intensität der Farben, die Bridget Riley verbreitet. Von Werken wie "In Excelsis" muss man sich regelrecht abwenden, um nicht zu sehr vereinnahmt zu werden.

Es ist ihr Blick in eine üppig prunkende Barockkirche, den die Künstlerin in die Abstraktion übertragen hat - Farbe, Licht und Glanz pur.

Bilder wie dieses erst jüngst entstandene leben auch von der Exaktheit, mit der die 80-Jährige an jedem Konzept feilt, bevor die Entwürfe auf Zeichenkarton von ihren Assistenten in Öl auf Leinwand gebracht werden. "Ich brauche Genauigkeit", sagt die zierliche, lebhafte alte Dame im grauen Seiden-Anzug, die in den riesigen Räumen der Galerie von Max Hetzler nun eine museale Retrospektive erfährt.

"Für uns ist es ein Ausnahmezustand, dass sie uns das Vertrauen gibt, diese Werke - darunter viele Leihgaben -, zu zeigen", meint der Galerist. Vor fünf Jahren lernte er Bridget Riley anlässlich einer Ausstellung in London kennen. Zurzeit sind in der National Gallery Arbeiten von ihr zu sehen - "eine der großen lebenden, internationalen Künstlerinnen" unserer Tage, freut sich Hetzler, der die Reise nach London überflüssig macht.

Wer in der Berliner Ausstellung "Paintings and Related Work 1983-2010" verweilt, spürt jene besondere Lebendigkeit, die sich auf den Betrachter überträgt. Von ihr spricht die Malerin: "Mein Ziel ist, dass sich die Leute lebendig fühlen durch meine Kunst." Die aufwendige Retrospektive verdeutlicht dieses Energiepotenzial, das in 30 Schaffensjahren nicht nachgelassen hat.

Es geht um die Auseinandersetzung mit Farbe, denn Bridget Riley wurde in den 60er Jahren durch ihre schwarz-weiße Op-Art bekannt, die hier nicht gezeigt wird. Durch Farben, Formen und Leerräume erzeugt sie Sogkräfte auf der Leinwand, die sich verändern, je länger man hinsieht. Das Prinzip ist geblieben, nur die Untersuchung der Wahrnehmung hat sich erweitert und erscheint in den jüngeren Wand-Arbeiten weniger streng.

So spricht aus ihrem "Gemälde mit Kreis 1" von 2010 eine Leichtigkeit, die an Matisse erinnert, wohl auch durch den Einsatz von Schablonen, die scherenschnittartige Strukturen hinterlassen. Man könnte einen Blätterwald imaginieren. Sanftes Grün und Blau züngelt empor - Farbe wie Flammen breitet sich burschikos und nicht mehr linear auf der Leinwand aus. Das Auge fixiert dabei einen kleinen Kreis am Rande.

Die Komplexität, die sich in früheren Werken wie "Debut" (1988) aus der Kleinteiligkeit der Farben und Formen ergab, offenbart sich jetzt erst auf den zweiten Blick, der sich an dem magischen Farben-Dialog nicht satt sehen mag. Nicht umsonst heißt ein direkt auf die Wand gemaltes Bild "Arcadia 3". Das "ländliche Paradies" aus Himmelblau, gepaart mit Grün und Beige, lädt ein zur Meditation.

"Als Kind habe ich mich auf den Rücken gelegt und in den blauen Himmel gestarrt, bis sich das Blau langsam in Grau verwandelte", berichtet die Künstlerin. "Das Auge kompensiert die Intensität des Blaus mit einem Nachbild in Gelborange." Ihre Malerei beschäftigt sich mit diesen interaktiven Wirkungen der Farbe. Mit ihnen hat Bridget Riley jenen Schritt zurück zur Natur getan, durch den die Kunst selbst wie Natur anmutet.

Max Hetzler , Oudenarder Str. 16-20 (Wedding), Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 16. April.