Interview mit Regisseur Nicolas Stemann

"Das falsche Leben fühlt sich so gut an"

Nicolas Stemann zählt seit Jahren zu den erfolgreichsten und gefragtesten Regisseuren. Seine Inszenierungen von Texten der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek sind legendär, sie wurden mehrfach zum Theatertreffen eingeladen. Der 1968 in Hamburg geborene Stemann ist auch Musiker, er hat während seines Studiums als Hotelpianist, Sänger und Gitarrist gejobbt. Jetzt arbeitet er am Deutschen Theater erstmals ohne Stück.

Heute hat sein mit dem Ensemble erarbeiteter Liederabend "Aufhören! Schluss jetzt! Lauter!" Premiere. Stefan Kirschner sprach mit dem Regisseur über die Lust am Ausstieg, neue Regieansätze und sein Verhältnis zu Elfriede Jelinek.

Berliner Morgenpost: Herr Stemann, woher kommt die Sehnsucht nach einem Ausstieg?

Nicolas Stemann: Vom Bewusstsein, dass dieses Leben nicht das beste aller möglichen ist. Dabei geht es nicht nur um das persönliche Wohlbefinden, sondern auch um eine moralische Richtigkeit. Alle leben dieses Leben - und wissen eigentlich, dass es verkehrt ist. Aber selbst wenn man aussteigt, landet man schnell wieder an dem Punkt, auf einer anderen Ebene doch wieder mit zu machen.

Berliner Morgenpost: Wie erklären Sie sich das?

Nicolas Stemann: Das liegt sicher auch daran, dass sich das falsche Leben ganz gut anfühlt. Es ist bequem, es macht Spaß. Man kann darin zum Beispiel wunderbar Theater produzieren. Man verliert also wirklich etwas. Dazu kommt eine gewisse Ratlosigkeit, die vielleicht etwas mit mangelnder Fantasie, mit mangelndem Mut, Kraft oder Glauben zu tun hat. Den Glauben, dass es wirklich möglich ist. Die Überfülle an Freiheit lähmt und führt nicht dazu, dass man besonders aktiv wird. Sondern im Gegenteil erschlagen ist von den Möglichkeiten und eher in Müdigkeit, Passivität und Depression ertrinkt. Das ist eine Bewegung, die wir an diesem Theaterabend nachvollziehen wollen.

Berliner Morgenpost: Ohne Autor und ohne Stück?

Nicolas Stemann: Das ist ein Schritt in eine Freiheit. Ich bin als Regisseur nicht mehr Diener eines Stückes. Ich kann musizieren, mitspielen...

Berliner Morgenpost: ...das haben Sie aber auch schon in Ihrer Jelinek-Inszenierung "Die Kontrakte des Kaufmanns" gemacht?

Nicolas Stemann: Aber jetzt gehen wir einen Schritt weiter, indem wir auch selber schreiben und komponieren, beides übrigens im Kollektiv. Es gibt eine Form-Inhalt-Entsprechung, die bewusst gesetzt ist. Wir beobachten: Was passiert auf der künstlerischen Ebene, was passiert mit uns. Schauspieler müssen nicht unbedingt schauspielern, sie können auch singen. Und Regisseure auch mal einen Text schreiben. Wir probieren verschiedene Verweigerungsstrategien aus.

Berliner Morgenpost: Klingt spannend.

Nicolas Stemann: Ist aber ziemlich anstrengend. Mit dieser Überforderung spielen wir.

Berliner Morgenpost: Das geht, weil die Freiheit am Theater verhältnismäßig groß ist?

Nicolas Stemann: Die ist beschränkter als man denkt. Ich muss gegenüber dem Intendanten kommunizieren, was ich will. Mit den Schauspielern sprechen. Wenn man das Thema eines Stückes klar benennen kann, dann hat man erst mal Ruhe, zumal, wenn es ein Thema ist, das auch in der Tagesschau vorkommt. Diesem Terror des Sinns, der weit verbreitet ist am Theater, versuchen wir uns auf einer spielerischen Ebene zu entziehen, indem wir sagen, es geht vielmehr um eine künstlerische Freiheit als darum, dass wieder irgendetwas produziert wird, das mit einer sinnvollen Überschrift abgehakt werden kann.

Berliner Morgenpost: Sie hatten bereits vor drei Wochen, also in einem recht unfertigen Produktions-Stadium, eine öffentliche Probe angesetzt?

Nicolas Stemann: Damit hatten wir ganz positive Erfahrungen beim "Faust" und den "Kontrakten" gemacht - so ist bei dem Jelinek-Stück die Form der Leseperformance entstanden.

Berliner Morgenpost: Und wie war die Reaktion diesmal? Wurde denn "Aufhören! Schluss jetzt!" gerufen? In der Ankündigung wurde ja gewissermaßen dazu aufgefordert.

Nicolas Stemann: Die Zuschauer in der öffentlichen Probe reagierten sehr zurückhaltend, fast betreten. Fast so, als ob sie nicht stören wollten.

Nicolas Stemann: Ich fände es auch schade, wenn die Leute "Aufhören" rufen würden. Mein Dramaturg wollte diese Formulierung partout nicht rausnehmen. Eigentlich ist mir der Titel des Abends etwas zu aggressiv. Es geht ja nicht um eine Provokation.

Berliner Morgenpost: Sondern um einen Abend, der sich weiterentwickelt?

Nicolas Stemann: Ich finde es zunehmend interessanter, im Theater nicht fertig zu werden. Eine Vorstellung ändert sich ja ohnehin, auch wenn man nicht so forciert eingreift wie ich es bei den "Kontrakten" tue, indem ich immer wieder neue Texte ins Spiel bringe, immer wieder eingreife, verändere. Es gibt kaum eine vergänglichere Kunstform als Theater. Das Gegenteil davon ist Vitalität, Beweglichkeit. Das interessiert mich.

Berliner Morgenpost: Sie haben kürzlich Ihr Musiktheaterdebüt mit Jacques Offenbachs "La Périchole" an der Komischen Oper gegeben. Immer wenns in der Operette richtig los gehen soll, kommt in Ihrer Inszenierung ein Mann mit einer zerrissenen roten Fahne auf die Bühne und ruft zur Revolution auf. Dass Sie damit das Publikum provozieren würden, das war Ihnen aber schon klar?

Nicolas Stemann: Ich habe nicht damit gerechnet, dass das für bestimmte Leute eine Provokation darstellt. Die Inszenierung hat sehr polarisiert, aber Oper ist ein ganz anderer Bereich als Sprechtheater. Beim Theater gelten Buhs ja als Misserfolg, bei der Oper offensichtlich als Zeichen dafür, dass es nicht ganz blöd war, was man da gemacht hat.

Berliner Morgenpost: Mit dieser Art des Regietheaters müssten Sie sich doch auf jeden Fall für die Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth empfohlen haben?

Nicolas Stemann: (schmunzelt): Schreiben Sie das! Dass der Stemann auch mal was in Bayreuth machen soll. Auf jeden Fall interessiere ich mich dafür, weiter Oper zu machen.

Berliner Morgenpost: Vielleicht an der Staatsoper? Sie kennen Intendant Jürgen Flimm schon lange?

Nicolas Stemann: Ja, das stimmt, ich kenne ihn seit der Studienzeit. Es ergeben sich immer wieder mal Gelegenheiten, mit ihm zu sprechen.

Berliner Morgenpost: Gerade wurden die Inszenierungen fürs Theatertreffen vorgestellt. Sie sind diesmal nicht dabei, weil es keine Arbeit von Jelinek/Stemann gab?

Nicolas Stemann: Ich habe auch ein paar Sachen von ihr gemacht, die nicht eingeladen wurden.

Berliner Morgenpost: Karin Beier hat in Köln ein Jelinek-Stück inszeniert und kommt damit zum Theatertreffen 2011 - so wie Sie im vergangenen Jahr mit den "Kontrakten". Haben Sie sich von Elfriede Jelinek entfremdet?

Nicolas Stemann: Nein, überhaupt nicht. Aber ich will ja nicht immer das Gleiche machen. Wenn ich jetzt die Unsicherheit und das Spiel mit dem Ausloten der Grenzen suche, dann ist es vielleicht auch irgendwann mal Zeit zu sagen, ich mache eine jelinekfreie Spielzeit. Aber wissen Sie, bei diesem Projekt hier am Deutschen Theater habe ich mich alle zwei Tage nach einem schönen Jelinek-Text gesehnt. Das hätte uns immer geholfen. Aber das ist vielleicht auch der Grund, es mal ohne zu versuchen.

Berliner Morgenpost: Und demnächst arbeiten Sie ohne Ensemble?

Nicolas Stemann: Oder ohne mich (lacht).