Filmtagebuch

Ich verstehe Ihre Frage nicht

Am Anfang von "Wer wenn nicht wir", dem Spielfilmdebüt des Dokumentarfilmers Andres Veiel, wird eine Katze ermordet. Im Garten einer Villa reißt die Katze das Nest einer Nachtigall und frisst deren Kinder. Dafür wird sie vom Hausherrn, dem Nazidichter Will Vesper, mit dem Gewehr erschossen.

Im Anschluss erzählt er seinem Sohn Bernward, dass es, als Gott die Nachtigallen schuf, noch keine Katzen gab, sonst hätte er den Vögeln gelehrt, ihre Nester nicht so niedrig ins Gebüsch zu hängen, wo sie leichtes Fressen sind. Dann kommt es richtig dicke: Die Katzen kämen "aus dem Orient", sie seien "die Juden unter den Tieren". Ob der kleine Bursche in einer Welt ohne Nachtigallen leben wolle?

Diese Metapher zu Beginn - wenn es denn eine sein soll und nicht Slapstick - wirft Fragen auf. Sollen die Nachtigallen beispielsweise die deutsche Kultur darstellen? Warum sind sie dann so niedrig aufgehängt? Kommen die Juden wirklich "aus dem Orient"? Sind in diesem nicht eher die Perser und Osmanen beheimatet? Soll der Mord an der Katze tatsächlich den Zivilisationsbruch des Völkermordes an den Juden darstellen, der als Erblast das Leben der 68er prägen wird? Veiel gibt darauf keine Antworten, ebenso wenig wie August Diehl, der den erwachsenen Bernward Vesper spielt, später auf der Pressekonferenz: Auf die Frage einer kanadischen Journalistin, warum die Deutschen noch heute eine derart drückende Schuld mit sich herumschleppen, anders als Russen, Ruander und sonstige des Genozids schuldige Völker, antwortet Diehl nur: "I don't understand the question."

"Wer wenn nicht wir" erzählt von der Radikalisierung der Bürgerkinder Anfang der 60er-Jahre. Darüber hinaus, so Veiel selbstbewusst, habe sein Film auch eine große Relevanz für die Gegenwart. Es müsse wieder heißen: "Wer, wenn nicht wir!", wie er leidenschaftlich durch das Pressezentrum rief. Zur Qualifikation dieser Aussage warf er dann den Bankenrettungsfonds und die Revolution in Ägypten in einen Topf - und damit neue Fragen auf: Soll sich das deutsche Kinopublikum tatsächlich in Ägypten engagieren? Soll es gegen den Bankenrettungsfonds demonstrieren? Wäre die deutsche Volkswirtschaft ohne diesen nicht zusammengebrochen? Möglicherweise wird Veiel diese Fragen in seinem nächsten Film beantworten, einem Spielfilm über die Finanzkrise. Bleibt die letzte Frage: Wäre es für Veiel nicht besser, einen Dokumentarfilm über als Spielfilmer scheiternde Dokumentarfilmer zu drehen?

Alexander Schimmelbusch ist österreichischer Schriftsteller und lebt in Berlin