Serie: Peter Alexander, Teil 3

Ein Schelm auf der Showtreppe

Nun also doch. Am Samstag von 9 bis 16 Uhr erhält die Öffentlichkeit auf dem Wiener Zentralfriedhof (Halle 2) Gelegenheit, sich von Peter Alexander zu verabschieden. Ein Kondolenzbuch wird ausgelegt. Damit wurde dem Druck des Publikums nachgegeben.

Ursprünglich wollte die Familie, darunter sein Sohn Michael (47), eine Beerdigung in aller Stille. Es wäre seltsam gewesen. 'In aller Stille', das ist wohl das Letzte, was zu Peter Alexander, geborener Peter Alexander Ferdinand Maximilian Neumayer, gepasst hätte.

Die letzten Spaziergänge hatten ihn nicht weiter als bis auf den Döblinger Friedhof geführt. Hier liegt seine Frau Hilde seit 2003 begraben. Die letzte Videobotschaft, zuhause am E-Klavier, war ein gehauchtes "Dankeschön, es war bezaubernd, dankeschön...". Glauben konnte das selbsterwählte Exil, in dem sich Peter Alexander seither verbarrikadierte, niemand so Recht. Denn Peter Alexander, zu Lebzeiten eine Legende, war die Verkörperung von Show, Entertainment und Halligalli. Für genau das wurde er geliebt.

Pionier der Fernsehunterhaltung

Mit Filmen war er bekannt geworden und mit Schlagern reich. Doch seine eigentliche Bestimmung lag darin, Zuschauer auf der großen Showtreppe zu empfangen, mit Stargästen, Glitzer und viel Bohei. In einem Fernsehformat, das damals neu war und dessen Glanzzeit heute schon wieder vorüber ist. Genau so beschreibt es sogar der Fernsehproduzent und langjährige Pressechef von Peter Alexander, Wolfgang Rademann. Dass Peter Alexander an genau jenem Abend starb, als Thomas Gottschalk, der letzte Dinosaurier der Samstagabend-Show, seinen Rückzug von "Wetten dass..." verkündete, entbehrt nicht der tieferen Bedeutung. Peter Alexander war Pionier, Glanzstück und Altmeister der überformatigen Fernsehunterhaltung.

Damals wurde von den Sendeanstalten noch finanziell richtig reingebuttert. Während Kuli und Hans Rosenthal sich zur Befriedigung ihrer dramatischen Ambitionen mit kleinen, zum Teil live abgespielten Kultur-Einlagen begnügen mussten, durfte Peter Alexander technisch aus dem Vollen schöpfen. Er trat in vorproduzierten Sketchen zuweilen in vier oder fünf verschiedenen Rollen gleichzeitig auf. Gern auch im Fummel. Der Geschlechterwechsel war für ihn die höchste und spaßigste aller schauspielerischen Ambitionen. Sei es als alle vier "Golden Girls". Sei es als Prinzessin Diana, Königin Elisabeth II. und "Queen Mum" in ein und demselben gespielten Witz. In der "Peter Alexander Show" 1995 trat er mit Liza Minnelli und Montserrat Caballé gleichzeitig auf. Man gönnte sich ja sonst nichts.

Ob Heintje, Christa Ludwig oder die Muppets: Die Shows von Peter Alexander waren der deutsche Salon von Glanz und Gloria. Ganz so, als ob dem albernen Image der Lausbuben-Filme und der sentimentalen Schlager-Welt, woher Peter Alexander stammte, nun das Krönchen aufgesetzt werden sollte. Der Star selber absolvierte das mit Bravour, weil er ein gutaussehender Smoking-Träger war. Und er konnte der Festlichkeit seines Auftritts dabei immer zugleich eine Nase drehen. Den Gastgeber gab er im Gewand des Vollprofis: halb Schmuse-Verkäufer, halb Ironikus. Er nahm sich ernst nur im Sinne der hochprofessionellen Abwicklung der Geschäfte. Dass das Publikum glücklich wurde, blieb für ihn das einzige Kriterium des Erfolgs.

Darin stimmte die öffentliche Person des Peter Alexander ganz mit der unprätentiös privaten überein. Wenn der Sohn eines Bankkassierers, der sich mit fünfzehn Jahren das Klavierspiel selber beigebracht hatte, Manager-Besuch aus Berlin empfing, musste es immer Schweinebraten mit Kraut und Knödeln geben. Ein Ritual. Wer in Interviews weiter bohrte, bei dem verstieg sich Peter Alexander bis zu Bekenntnissen zu Curry-Geschnetzeltem und Spaghetti carbonara. Nichts Luxuriöses. Als Lieblingsbeschäftigung gab er Kreuzworträtsel an. Im Fernsehen sah er Fußball und Krimis. Zum Spielen favorisierte er eine Modelleisenbahn der Firma Märklin. Er blieb, und das war sein Erfolg: der Junge von nebenan. Dabei ist Peter Alexander zugleich tragisches Lehrstück eines Künstlers, bei dem die explosionsartig entwickelte und ausgekostete Popularität ins Gegenteil umschlug. Die Weltflucht und Medienabgewandtheit seiner letzten Jahre steigerte sich bei Peter Alexander zur Manie. Dem eigenen Fan-Club in Deutschland drohte er im vergangenen Jahr mit einer Klage, falls die Homepage des "Peter-Alexander-Fan-Clubs" nicht abgeschaltet werde. Gegen 152 Artikel, die in den letzten Jahren über ihn publiziert wurden, liegen bei den Verlagen Sperrvermerke vor.

Peter Alexander, so lernen wir, wollte nicht nur bestimmte Einzelheiten aus seinem späten Leben nicht veröffentlicht wissen. Er arbeitete an der Auslöschung seiner eigenen Person in den Medien. Der Fall steht einzig da in der Unterhaltungsgeschichte der Bundesrepublik. Freilich, das Rumreiten der Yellow press auf den Schicksalsschlägen des Todes seiner Frau und seiner Tochter (Susanne Neumayer starb vorletztes Jahr bei einem Autounfall in Thailand) dürfte schwer für ihn gewesen sein. Die Empfindlichkeit aber, mit der Peter Alexander derlei Berichte verfolgte, lässt darauf schließen, dass er vom Entertainer-Leben, zu dem eine bunte Berichterstattung nun mal gehört, nicht lassen konnte. Sonst hätte ihm das Interesse der Öffentlichkeit egal sein können.

Zehn Bambis, eine extra große Goldene Kamera im Jahr 1980 und eine weitere "als beliebtester deutscher Fernsehstar" im Jahr 1983 besiegelten den Höhenflug eines TV-Lieblings, der eigentlich immer nur ein Beförderungs-Ziel zu haben schien: von der Schule zu fliegen. Als Erfinder des deutschen Personality-Formats ("Die Peter Alexander-Show") hatte er ein amerikanisches Modell nach Art der "Doris Day-" oder "Dean Martin-Show" europäisiert. Und wiederum beendet. Nach ihm gab es Musikshows dieser Größenordnung nie mehr. Es wird sie auch nicht mehr geben.

Eine gewisse Müdigkeit

Übrigens war Peter Alexander der wohl einzige deutschsprachige Entertainer, der den Schwerpunkt seiner Aktivitäten nicht mehr - wie so viele andere - in die neuen Bundesländer verlagerte. Künstler wie Heino, Mireille Mathieu oder selbst José Carreras finden ihr größtes Live-Publikum seit der Wende in der ehemaligen DDR. Nicht so Peter Alexander. Die letzte Tournee führte ihn 1991 zwar durch ganz Deutschland. Neu aufzudrehen wie andere, gelang ihm indes nicht. Bühnenpartner wie Paul Kuhn spürten bei ihrem Kollegen damals schon eine gewisse Müdigkeit.

Dennoch schien dieser Mann aus "Schwejks Flegeljahren" nie heraus zu kommen. Als kalauernde, juxende, sich selbst rücksichtslos verulkende Spaßbombe, als Lausbub bis zuletzt gehört er zum Tafelsilber der deutschen Film-, Schlager- und Fernsehunterhaltung. Dass er zu Lebzeiten von einigen nicht ganz ernst genommen wurde, schien ihn selber nicht zu kratzen. Das war eben Teil des Leistungsmodells, das er verkörperte. An diesem Wochenende, mit dem Tode von "Peter dem Großen", ist die Zeit der rückhaltlosen Peter-Alexander-Verehrung angebrochen. Sein Publikum wusste schon immer, was es an ihm besaß: eine Mords-Gaudi. Und das ist viel.