"Mein bester Feind"

Kleider machen Täter

Ein Jude wird von den Nazis verfolgt. Es kommt zu einer Verwechslung. Er legt sich eine Uniform an. Er will Gutes damit bezwecken. Ein brisantes Thema, noch dazu auf einem deutschen Filmfestival. Und dann soll das auch noch eine Komödie sein! Aber es kommt an. Tosender Applaus auf der Berlinale. Das war 2002, als Chaplins Klassiker "Der große Diktator", frisch restauriert, als Abschlussfilm lief. Neun Jahre später wird das noch einmal versucht.

Aber es geht gründlich in die Hose. Der Film heißt "Mein bester Feind", er kommt aus Österreich und läuft im Wettbewerb; sicherheitshalber außer Konkurrenz. Das ist auch besser so. Eine Komödie will es sein. Doch es ist überhaupt nicht komisch. Nach 70 Minuten gibt es doch mal ein paar Lacher. Nach 70 Minuten lacht man über so ziemlich alles. Aber merkwürdig, immer an den falschen Stellen.

Es geht um eine Freundschaft in Wien, die die Weltgeschichte auseinander reißt. Da ist der Sohn eines reichen jüdischen Kunsthändlers, Victor Kaufmann (Moritz Bleibtreu); und da der Sohn einer Putzfrau, die bei den Juden gearbeitet hat. Hausbesorgerin nennt man das in Wien. Rudi (Georg Friedrich) wurde von den Kaufmanns wie ein Sohn großgezogen, auch nach dem Tod der Mutter hat er noch ein Zimmer in der mondänen Villa. Und als 1938 die ersten Schurken einen Davidstern auf das Schaufenster der Kaufmanns pinseln, da hilft der Rudi dem Victor noch.

Kräfteverhältnis verkehrt sich

Aber nicht mehr lange. Der Rudi will nämlich auch mal was werden. Er schlüpft bald in eine SS-Uniform. "Vielleicht hat das auch was Gutes", tröstet sich Mama Kaufmann. "Vielleicht zeigt das, dass es unter ihnen auch anständige Leute gibt." Vielleicht ist die Erde eine Scheibe. Der Rudi gibt den Nazis einen Tipp, wo in der Villa sich eine wertvolle Michelangelo-Zeichnung verbirgt. Dass die Kaufmanns dafür doch nicht in die Schweiz ausreisen dürfen, sondern deportiert werden, ist ein starkes Stück. Aber das ist nun mal höhere Politik. Und Rudi war schon immer hinter Lena (Ursula Strauss) her, der Freundin von Victor, und weil der die ganze Habe der Kaufmanns überschrieben wird, schlägt man gleich zwei Fliegen mit einer Klatsche. Aber lustig ist das alles nicht.

Nun ist der Michelangelo leider eine Fälschung. Und weil man das wertvolle Bild dem Duce schenken möchte, muss man sich noch mal um die Kaufmanns kümmern. Der Vater ist schon tot, aber der Sohn lebt noch. Victor ist wahrscheinlich der wohlgenährteste Jude, den wir je in einem Konzentrationslager gesehen haben. Man muss sich ja nicht gleich zum Gerippe herabhungern wie Ulrich Matthes in "Der neunte Tag". Frisch gewaschen ist Viktor auch, selbst die Häftlingskleidung wirkt wie gebügelt. Ob das auch zum Lachen sein soll?

Der Viktor wird in ein Flugzeug verfrachtet, der Rudi auch. Das Flugzeug wird von Partisanen abgeschossen. Nur zwei überleben, man rate, wer. Das ist der Wendepunkt der Geschichte. Der Rudi schlüpft, aus Angst vor den Partisanen, in Victors Klamotten. Lieber ein falscher Jude als ein toter Nazi. Der Victor aber zieht sich die Uniform an; und weil die Nazis schneller sind als die Partisanen, verkehrt sich das Kräfteverhältnis.

Der Rollentausch ist nun wirklich keine neue Idee. Man muss gar nicht bis zum "Großen Diktator" zurückgehen, man denke nur an "Hitlerjunge Salomon", in dem sich schon einmal ein Jude als Nazi maskierte, oder an "Der Junge mit dem gestreiften Pyjama", in dem der Sohn eines SS-Offiziers zu seinem einzigen Freund ins KZ schlüpfte. Paul Hengge - ein Drehbuchautor, dem wir einige Edgar-Wallace- und Pater-Brown-Filme verdanken, der aber auch Kriegsdramen wie "Bittere Ernte" geschrieben und an "Hitlerjunge Salomon" mitgearbeitet hat - ist 1939 in Wien geboren, er hat als Jude den Terror miterlebt und darüber ein packendes Buch geschrieben: "Wie es Victor Kaufmann doch noch gelang, Adolf Hitler zu überleben." Hengge hat auch das Drehbuch entwickelt. Josef Aichholzer ließ es verfilmen, der Produzent, der auch "Die Fälscher" realisierte: ein Film, der 2007 auf der Berlinale lief und dann den Auslands-Oscar gewann.

Und mit Wolfgang Murnberger kam ein Mann auf den Regiestuhl, der mit Buchadaptionen sehr vertraut ist (man denke an seine Haslinger-Krimis nach Simon Brenner). Ein Mann, der auch für den immer etwas schrägen österreichischen Humor steht. Konnte eigentlich gar nichts schief gehen. Murnberger hat dann aber wohl doch Skrupel gehabt und bekundet, er könne daraus "maximal eine Tragikomödie machen". Das aber ist die Quadratur des Kreises: Entweder das Ganze als grelle Farce überziehen - oder aber als echtes Drama hinlegen über das aktuellen Thema NS-Kunstraub. So ist es indes nur ein lauer, mauer Kompromiss geworden.

Uniform-Verbot für Bleibtreu

Immerhin: In den letzten Jahren wurden die Täter allzu oft als Opfer dargestellt, in "Die Flucht" und "Habermann" als Vertriebene, in "Anonyma" als Vergewaltigte, in "Das Lager" als Kriegsgefangene. Hier sind die Nazis wieder die bösen Abziehklischees, schnoddrige Männer, die unterm Führer-Bild Zigarren schmauchen und dazu Grammophon hören. Und Mitläufer, die nur darauf warten, Häuser und Posten der Deportierten zu übernehmen. Murnberger zielt dabei ständig auf Klamotte und beraubt sie doch ihrer unabdingbaren Basis, den Gags. Keiner glaubt dem Nazi, wenn er den gelben Stern trägt. Pech auch, wenn der mal Phimose hatte, also beschnitten ist. Jeder meint, einen Juden zu erkennen, und kuscht doch vor jedem Stiefelklacken. Das könnten alles Pointen sein, aber fast hat Murnberger Angst, man könnte wirklich darüber lachen, und treibt ihnen den Witz aus. Es gibt immerhin einen schönen Moment, wenn Moritz Bleibtreu in SS-Uniform sich einmal selbst im Spiegel entdeckt. Sich posiert. Und plötzlich Respekt vor sich selber hat. Das ist mal ein wirklich perfider Witz. Kleider machen Leute. Aber es bleibt bei diesem einen Moment.

Mit Grausen denken wir noch an "Jud Süß - Film ohne Gewissen", den Berlinale-Flop des Vorjahres. Mit Schrecken vor allem, weil uns Bleibtreus Goebbels noch allzu gut in Erinnerung ist. Eine schlimme Karikatur, Schmierentheater. Auf der Bleibtreu-Skala liegt der Victor Kaufmann dieses Films noch klar über dem "Süß"-Goebbels, rangiert aber dennoch weit unten auf seiner langen Filmliste. Wir fordern hier eindringlich ein Uniformverbot für Moritz Bleibtreu und eine Berlinale-Auszeit für mindestens drei, vier Jahre.

Heute, 12 Uhr Friedrichstadtpalast

Heute, 22.30 Uhr, Urania

20.2., 10 Uhr, Friedrichstadtpalast