Serie: Peter Alexander, Teil 2

Im Schlager zeigte er seine private Welt

Peter Alexander sei ein Produkt der deutschen Schnulzenindustrie, meinte der österreichische Kabarettist Gerhard Bronner einmal provozierend. Nur kein Neid! Peter Alexander, der am Sonntag verstorbene Entertainer, war kein Schlager-Konfektionär wie Dieter Bohlen, auch kein Hitparaden-Gänger wie Roy Black.

Dennoch wird Peter Alexanders Talent, ja Genie weiterhin leuchten, weil er der Nachkriegsära insgesamt Herz und Stimme gegeben hat. Mit einem Ton, der so klang, als hätte da jemand einfach nur launig sein Innerstes geöffnet. Kunststück!

46 Millionen verkaufte Tonträger und 120 Schallplatten können nicht lügen: Peter Alexander lieferte unser aller Soundtrack vom Wirtschaftswunder bis zur Nachwende-Republik. Vor ihm gab es kein Ausweichen, wir haben ihn alle im Ohr. Noch 1990 besiegelte er mit einem Auftritt im Friedrichstadtpalast eine Gesangskarriere, die länder- und spartenübergreifend von der Operette übers Film-Musical bis zum Heurigen-Lied reichte. In der DDR ist er nie aufgetreten, stattdessen war er einmal sogar mit der deutschen Fußballnationalmannschaft auf Tournee.

Im Zentrum deutscher Innerlichkeit

Mit den "Beinen von Dolores" war die Parade seiner Volltreffer 1951 eröffnet worden. Doch das war Vorgeplänkel. Schon mit "Ich zähle täglich meine Sorgen" aus der gleichnamigen Filmkomödie (1960 mit Ingeborg Schöner) hielt sich Peter Alexander 21 Wochen in den deutschen Charts. Er münzte deutsche Kümmernisse souverän in Frohsinn um. Herrlich unpolitisch: "Komm und bedien dich bei mir,/denn mein Herz und was dazu gehört ist dein./Komm und bedien dich bei mir,/denn ich weiß, ich werd mit dir im Himmel sein." Sämtliche Lebenslasten, die bei Peter Alexander durchdekliniert werden, halten sich streng im Rahmen von Liebe, Leidenschaft, Lustigkeit. Das war beruhigend und aufmunternd zugleich, zumal dieser singende Schlacks mit missionarischem Gestus auftrat.

Immer schien seine Botschaft zu lauten: Hört her, ich hab euch was ganz Persönliches zu sagen. Das blieb sein Geheimrezept. Mit "Die kleine Kneipe" entführte Peter Alexander sein Publikum konsequent ins Zentrum deutscher Innerlichkeit: an den Tresen. Man sieht ihn vor sich, augenzwinkernd, als wenn er mit den Tränen zu kämpfen hat. Diese Mischung aus Gefühl und dick aufgetragener Ehrlichkeit machte ihm niemand nach. Damit nötigte er auch denen Respekt ab, die sein Weltbild vielleicht etwas einfach fanden. Er war jedenfalls jemand, der das äußerst glaubhaft über die Rampe brachte. Und war wirklich so. Dachte man wenigstens. Darin hat man sich schließlich vielleicht doch getäuscht.

Schon sein nächster Hit "So richtig nett ist's nur im Bett" brachte den besseren Reim auf den Privatmenschen Peter Alexander. Der verstand sich als Arbeitstier, fleißig und hochgradig pflichtgemäß. Aber doch nicht mehr als unbedingt nötig. In Wirklichkeit habe er immer nur Faulenzen und Fischen wollen, sagen seine Freunde. Zu seiner Erfolgsdevise wurde es immer mehr, sich rar zu machen. Zum Charme gehörte, dass er die aufkommende Freizeit-Gesellschaft verkörperte. Schon in seinen Filmen hatte er es höchstens zum angehenden Pauker oder zum Frühstücksdirektor gebracht. Der pflichtschuldige Peter Alexander repräsentierte die Erkenntnis, dass es neben der Arbeit noch anderes gibt. Die Lust an der Arbeitsverweigerung war ein Erbe jener Studentenbewegung, von der Peter Alexander nicht so weit weg ist wie seine Gegner glauben. "Feierabend", sein Hit aus dem Jahr 1977, ist die Hymne derjenigen, denen es nach des Tages Fron und Lohn definitiv reicht - und die nun den lieben Gott einmal einen guten Mann sein lassen wollen. Dergleichen hatte bei Peter Alexander stets einen milde politischen Nebensinn, der sich indes nicht parteipolitisch festlegen ließ. Und doch berührte das immer eine Befindlichkeit, so wie sie sonst kein Schlagersänger seiner Zeit traf.

Die Zeit von "Peter Alexander präsentiert Spezialitäten" war angebrochen. Das brachte ihn stärker mit internationalen Stars zusammen. Mit Mireille Mathieu sang er ausgerechnet auf Englisch ("Good Bye, My Love"). Mit Liza Minnelli gab's im Duett "There's No Business Like Show Business" und mit Tom Jones "Delilah". Inzwischen war klar geworden, dass die Beschränkung auf den deutschsprachigen Raum ein Fehler war. Die Sage vom "deutschen Danny Kaye" machte fortan die Runde. Doch Peter Alexander wollte das gar nicht sein. Ihm fehlte das polyglott sprudelnde Talent einer Caterina Valente. Und die Lust auf Ausland.

Auch beschränkte sein Tanz-Talent sich in späteren Jahren auf jenes Augenplinker-Ballett, das schon beschrieben wurde. Mit dem Wechsel zur Ariola 1965 hatte Peter Alexander indes neue Gagen-Rekorde gebrochen. Sein Übergang vom Schlager zur Breitwand-Show war vorgezeichnet. Peter Alexander sang eigene Hits jetzt fast nur noch im Rahmen eigener Shows - und im Radio. Er war zum Maß der eigenen Dinge geworden - und kein fahrender Sänger mehr. Wie Anneliese Rothenberger lud er sich Gäste ein. Wer ihn hören wollte, musste zu ihm kommen.

Doch auf genau diese Weise malte der Schlagersänger Alexander, kaum anders als in seinen Filmen, ein Wunsch-Sittenbild der Deutschen. Seine insgesamt 38 Top-Ten-Erfolge innerhalb der deutschen Single-Hitparade reichen vom dunklen Sofa-Schinken "Der Mond hält seine Wacht" (1955) über stimmungsvolle Duetts wie "Eventuell" bis zu Verständigungs-Lyrik ("Ich weiß, was dir fehlt", 1956). Von Schmerz-Balladen ("Verbotene Träume", 1967) bis zu Party-Krachern wie "Der letzte Walzer" (1967). Und immer wieder "Delilah".

Als Schlagersänger blieb er ernst

Im Film pflegte Peter Alexander das Image eines aufmüpfigen Oberschülers. Im Schlager dagegen den Ruf eines geborenen Altmeisters. Niemanden störte, wie wenig sich das miteinander vertrug. Als ein Künstler stand er über sich und den eigenen Maßstäben. Von dem Entertainer Harald Schmidt stammt die Erkenntnis, dass alle Künstler, die lange Zeit sehr erfolgreich im Show-Geschäft unterwegs waren, stets nur auf ureigenstem Felde tätig waren und dies niemals verlassen hätten. Dies trifft auf Peter Alexander auf schönste Weise zu. Nur dass er von Hause aus breiter und flexibler aufgestellt war als die meisten seiner Konkurrenten.

Als Filmstar parodierte Peter Alexander bis zum Abwinken. Als Schlagersänger war er eher ernst. Dieser erstaunliche Widerspruch zeigt, wie genau und differenziert er sich auf verschiedene Medien einzulassen verstand, ohne sein Stammpublikum zu verschrecken. Seine Kollegin Cornelia Froboess hat gern erzählt, dass Peter Alexander immer dann, wenn er nicht den Klassenclown gab und auch nicht den Schlager-Meister, am liebsten still und in sich gekehrt am Klavier saß - und Jazz improvisierte. Diese privatere Seite seiner Musikalität der Welt vorzuführen, lehnte er ab. Weil er halt immer nur eine Rolle spielte? Nein. In den mitunter sogar pathetischen Erregungszuständen seiner Schlagerwelt war Peter Alexander seriöser und, fast möchte man sagen: weltabgewandter als der Rest der Schlager-Welt um ihn. Im Schlager zeigte er seine eigene, private Welt.

Doch genau dabei hat Peter Alexander dann sein vielleicht größtes Talent entdeckt, bei dem es ihm niemand nachtat: als vielleicht bester Entertainer der deutschen Fernsehgeschichte. Peter der Große, das wurde er erst als Fernsehstar.

Morgen: Peter Alexander, Teil III - Der Entertainer