Die Leserjuroren der Berliner Morgenpost

"Meine Katze ist stinksauer"

Es muss aber ganz schnell gehen. Wir haben nicht viel Zeit. Es ist 10.41 Uhr morgens, wir kommen aus dem ersten Wettbewerbsfilm. Und um zwölf geht der zweite los. Halbe Stunde vorher da sein, sonst sind die besten Plätze weg. Also schnell raus aus dem Berlinale-Palast und rüber in die Arkaden. In die Eisdiele im ersten Stock. Dort haben wir uns, genau zur Halbzeit der Berlinale, verabredet.

Dort sollen sie mir erzählen, wie sie die Berlinale erleben: die zwölf Leserjuroren, die exklusiv für unsere Zeitung den Wettbewerb besuchen, um am Ende den Publikumsfavoriten zu wählen. Aber nur auf einen Cappuccino. "Coriolanus" wartet nicht.

Erst mal sind ja alle begeistert. Dass sie zehn Tage dabei sein dürfen. Dass sie mit der Akkreditierung nicht nur in den Wettbewerb, sondern auch in alle anderen Sektionen kommen. Das nutzen sie denn auch reichlich: Der Tagesrekord liegt bei sechs Filmen, das haben immerhin zwei der Juroren geschafft. Zwei weitere kommen auf fünf. "Nur" drei Wettbewerbstitel am Tag, das reicht ihnen allen nicht. Wofür hat man sich denn die Auszeit genommen ...?

Es gibt keine Verpflichtung, sich zu treffen. Keinen Gruppenzwang. Aber diese Jury - es ist die 38., die die Morgenpost seit 1974 ins Rennen schickt - ist die erste, die sich von Anfang an vernetzt und alle Nummern und Adressen verteilt hat. Einige tauschen sich auch noch nachts per Facebook aus, meist tut man es aber schon zwischen den Filmen, so wie jetzt auf dem Weg zur Eisdiele, wo der Film "V Subbotu" das Lager spaltet. Unsere Geschworenen treffen sich regelmäßig und halten sich auch gegenseitig Plätze frei im Berlinale-Palast. Es sind nicht irgendwelche, es sind sehr begehrte Plätze. Direkt hinter der anderen, der Internationalen Jury. Juroren unter sich, sozusagen.

Vor Lachen bricht die Rücklehne

Nina Hoss, sagt Katayun Pirdawari, sei ganz reizend und würde immer winken. Aamir Khan, weiß Michael Niedermaier, ist ein eher zartes Gemüt, der sich bei brutalen Szenen immer wegdreht. Ulf Spengler hat lange ein Foto von Isabella Rossellini mit sich herumgetragen, sich aber lange nicht getraut, nach einem Autogramm zu fragen. Darf man das, von Juror zu Juror? Er hat es am Ende doch getan; sie hat sich sogar bedankt. Die Internationale Jury ist offensichtlich genauso nett wie die der Morgenpost.

Der Durchschnitt an Schlaf liegt bei fünf bis sechs Stunden. Zu wenig, da sind sich alle einig. "Am Anfang war das hart", meint Gabriele Wischmann, "aber jetzt sind wir alle im Rausch." Für das Schlafdefizit gebe es aber auch die passenden Filme, findet Michael. "Der 16-Uhr-Film ist die ideale Power-Napping-Zeit." Gerd Bocher hat schon Rückenschmerzen von den unbequemen Sitzen im Friedrichstadtpalast. Nils Sager hat schon einen Sitz kaputt gemacht, er war beim Kinderfilmfestival im Haus der Kulturen der Welt und hat da so gelacht, dass die Rücklehne brach. Dabei ist Nils nicht immer zum Lachen zumute. Er ist Student, er hatte gerade eine Prüfung während der Berlinale, und die zweite kommt gleich danach. Aber die Chance, Juror zu sein, wollte er deshalb nicht abgeben. Jetzt hat er immer die Karteikarten dabei, zum Lernen für zwischendurch. Dazu kam er freilich noch nicht.

Wie ist das eigentlich mit der Ernährung, so zwischen den Filmen? Katayun hat Stullen dabei, sie verteilt auch gern Süßes an die anderen. Stéphanie Weber schwört auf einen Möhrensaft pro Tag, sie hat vor dem Festival so viele eingekauft, dass alle dachten, sie feiert eine Möhrenparty. Michael hat gerade im Kino einen Jogurt aus der Tasche gezückt, aber so, dass es die Saalschwestern nicht sehen. Ist nämlich streng verboten. Lars verspürt spätabends immer einen Heißhunger auf Süßes, Anne-Sylvie König braucht exakt "200 Gramm Nudeln". Und Inga Maubach Kaffeebonbons. Und Gerd hat heute Morgen mit Begeisterung festgestellt: Er hat ein Kilo abgenommen. Berlinale als Diät!

Und wie ist das so mit den Lieben zu Hause? Wie finden die das, wenn der Partner zehn Tage lang auf dem Festival verbringt? Gerd ist dankbar: Seine Frau hält ihm den Rücken frei. Katayun gibt knirschend zu: "Meine Katze ist stinksauer." Die kriegt einfach zu wenige Streicheleinheiten. "Mein Freund", lacht Inga, "hat gestern gesagt: 'Ich habe geputzt. Aber das Bad habe ich dir gelassen.'" Na ja, die Berlinale ist schon eine asoziale Zeit. Kontakte pflegen geht nicht. "Entweder man trifft sich im Kino", so Michael, "oder man blendet das aus." Die Mitjuroren sind die neuen Bekannten. Und mit denen kann man sich herrlich austauschen, auch streiten. "Ihr rennt immer gleich aus dem Kino", klagt Gerd, "während ich noch den Abspann gucken will." Ich muss doch aufs Töpfchen, kommt die Antwort. Von wem, verraten wir jetzt ausnahmsweise nicht.

Am Freitag fällt die Entscheidung

Hier hat sich eine echte Gemeinschaft gefunden. Keine Zwangsvereinigung; die Geschworenen sind Verschworene. Wollen wir, fragt Katayun plötzlich, nicht mal gemeinsam essen gehen - danach? Erst mal betroffenes Schweigen. Wer traut sich denn jetzt schon, an ein "Danach" zu denken? Ist doch schlimm genug, wenn nächsten Montag alles vorbei ist. Jetzt heißt es doch erst mal, an den Freitag zu denken. Da müssen die zwölf nämlich pünktlich nach dem letzten Wettbewerbsbeitrag den Publikumsfavoriten küren. Aber dann finden die Idee alle gut. Ja, dies wird auch die erste Jury, die sich noch nach der Berlinale treffen wird.

Aber sorry, zahlen!, jetzt ist keine Zeit mehr. Die Reihe hinter den Juroren will verteidigt werden. "Coriolanus" wartet. Und das Lächeln von Nina Hoss.