Wettbewerb: V Subbotu

Tschernobyl 1986: Ein fast perfekter Frühlingstag

Samstag ist der beste Tag der Woche, und ein Samstag im April ist, wenn die Sonne scheint und die Triebe sprießen, einer der schönsten Tage des Jahres. Insofern ist es unerfreulich, wenn in der Nachbarschaft ein Atomreaktor hochgeht. Die erwartbare Reaktion, Frühlingstag hin oder her, wäre es, Hals über Kopf zu fliehen.

Man kann allerdings auch, folgt man der Logik des russisch-ukrainischen Beitrags "V Subbotu" (An einem Samstag), einfach weiter feiern, weiter saufen, weiter prügeln. Und wenn man mal an die frische Luft muss, dann lodern am nicht allzu entfernten Horizont die Flammen eines schmelzenden Reaktors.

1986 in Tschernobyl. Parteifunktionär Valerij (Anton Shagin) ist der erste, der den Reaktor 4 hat brennen sehen und von dort in die Stadt Prypjat läuft. Die Bevölkerung ahnt nichts. So beginnt der Film, und das entspricht den Tatsachen. Die Bevölkerung wurde erst 36 Stunden nach dem Unfall informiert.

In Prypjat spielen Jungs Fußball, Frauen gehen einkaufen, Pärchen gehen spazieren; ein fast perfekter, unschuldiger Tag. Genosse Valerij hätte ein Held werden können, er hätte die Bevölkerung warnen können, er hätte retten können, was noch zu retten ist. Oder er hätte seinen ersten Plan umsetzen und mit seiner (entsetzlichen) Freundin fliehen können. Oder er hätte wenigstens seine eigene Haut retten und auf den Güterzug springen können. Hätte. Könnte. Müsste.

Stattdessen bleibt er wie in einem absurden Theaterstück verhaftet an seinem Ort. Er weiß es, das Kinopublikum weiß es, die Bevölkerung ahnt es auch langsam: Er und all die anderen müssten schon längst auf und davon sein. Doch er singt und betrinkt sich bei der Hochzeitsfeier eines Freundes.

Das alles ist schwer zu ertragen. Nicht nur, weil man Valerij in den Hintern treten möchte. Sondern auch weil die Kamera wackelt, sobald gerannt, geschunkelt, gekämpft wird. Und es wird wirklich sehr viel gerannt, geschunkelt, gekämpft. Die Kraft des Films entsteht durch seine Ankündigung, eine "wahre Geschichte" zu sein. Die Unfähigkeit zur Flucht ist gerade dadurch so ein Martyrium für den Zuschauer, weil sie nicht nachvollziehbar ist. Sie bleiben in der Todeszone und leben für den Augenblick. Darauf einen Wodka. Und noch einen Rotwein. Einen Schnaps für mich.

Heute, 9.30 Uhr u. 20.30 Uhr Friedrichstadtpalast; Heute, 22.30 Uhr International; 20.2., 20 Uhr, Urania