Kurzbesuch beim Talent Campus

Isabella Rossellini plaudert über alte Lieben und neue Inspirationen

Interviews gibt sie keine, und auf Partys geht sie auch nicht. Isabella Rossellini will sich während der Berlinale ganz auf ihre Pflichten als Jurypräsidentin konzentrieren. Eine Ausnahme machte sie, als sie am Sonntag für eine halbe Stunde beim Talent Campus vorbeischaute und Fragen der Studenten und Nachwuchsfilmer beantwortete.

Gut gelaunt plauderte sie auf der Bühne des HAU über Leben und Karriere, erzählte von ihren berühmten Eltern, dem italienischen Regisseur Roberto Rossellini und dem schwedischen Filmstar Ingrid Bergman, und ihrer Kindheit in Rom und Paris. Entspannt redete sie von Ex-Männern, von David Lynch ("kein sehr verbaler Mensch"), mit dem sie fünf Jahre zusammenlebte und für den sie in "Blue Velvet" vor der Kamera stand. Durch Lynch wurde das einstige Model mit Mitte dreißig als Schauspielerin bekannt. Ihren ersten Ehemann Martin Scorsese bezeichnete sie lakonisch als "recht exzentrisch".

Fehlende Angebote aus Hollywood für Frauen in ihrem Alter erwähnt sie, aber sie tut es ohne Groll. Auch das Theater, Auffangbecken für viele Schauspielerinnen in der zweiten Hälfte ihrer Karriere, sei ihr verwehrt geblieben, weil Englisch nicht ihre Muttersprache sei und ihr Akzent nicht gewollt. Die 59-Jährige hat längst ihre eigene Nische gefunden, etwa als Muse eigenwilliger Regisseure wie Peter Greenaway und vor allem Guy Maddin, dessen Experimentalfilme mit ihr wiederholt zur Berlinale eingeladen worden sind. Eine Aufführung des Stummfilms "Brand Upon The Brain!" mit Live-Orchester und Isabella Rossellini als Erzählerin auf der Bühne der Deutschen Oper gehört mit zu den schönsten Berlinale-Momenten der letzten Jahre. Mit Maddin drehte sie auch den von ihr konzipierten Kurzfilm "My Dad Is 100 Years Old", ein Tribut an ihren Vater, in dem sie nahezu alle Rollen selbst spielte, darunter Alfred Hitchcock und ihre eigene Mutter. Und Maddin, der im Publikum saß, sei es auch gewesen, der ihr das Selbstvertrauen gegeben habe, selbst Filme zu inszenieren. Wie ihre "Green Pornos", surreale Kurzfilme, in denen sie das Sexleben von Insekten als frivoles Puppentheater zeigt und dabei selbst in die Rolle des Männchens schlüpft, mal als Biene, mal als Spinne verkleidet. Ihre tierische Leidenschaft hat einen deutschen Ursprung. "Als Kind hatte mir mein Vater ein Buch von Konrad Lorenz geschenkt, der das Verhalten von Tieren erforscht hat. Es war eine Offenbahrung für mich." Nicht ohne Stolz, aber mit der typisch rossellinischen Ironie fügte sie hinzu, dass ihre Sexfilmchen nach anfänglichem Naserümpfen mittlerweile auch wissenschaftliches Interesse geweckt hätten und derzeit im Londoner Wissenschaftsmuseum ausgestellt würden.

Bereuen würde sie in ihrem Leben schon einiges, gab sie zu. "Zum Beispiel, dass ich bislang immer abgesagt hatte, wenn ich in eine Jury eingeladen wurde, weil ich meine Kinder nicht so lange allein lassen wollte. Aber jetzt merke ich gerade, wie viel ich dabei lernen kann. Ich wäre längst eine viel bessere Filmemacherin!" Sie mache wenig anderes, "als mir jeden Tag zwei, drei Filme anzusehen, ohne jede andere Ablenkung. Tabula rasa!" Die Wettbewerbsfilme seien so unterschiedlich und reichhaltig, das sei wie durch ein Museum zu wandeln und Werke aus völlig verschiedenen Stilen und Epochen zu betrachten.

Am Freitag wird sie in einer Galavorführung im Friedrichstadtpalast selbst auf der Leinwand zu sehen sein, in "Late Bloomers" von Julie Gavras, auch sie Tochter eines großen Regisseurs. Es ist Rossellinis erste Hauptrolle seit Jahren. Das sei im Grunde einfacher, als eine Nebenrolle zu spielen, weil man mehr Zeit habe, die Figur zu entwickeln. "Vor allem können sie dich dann nicht rausschneiden. Wenn du nur einen Kurzauftritt hast, kann es passieren, dass du später den Film anschaust und feststellst: nix ich!", fügt sie mit einem Grinsen hinzu. Als am Ende ein sehr eifriger Nachwuchsfilmer wissen wollte, welche Wettbewerbsfilme ihr bisher gefallen hätten, brach sie in schallendes Lachen aus und rief: "Das kann ich Ihnen doch nicht verraten! Ich bin schließlich die Präsidentin!"