Gespräch

Ist das Publikum ein riesiges Maul, das alles schluckt?

Die Veranstaltung mit den Schauspielern Ulrich Matthes und Fabian Hinrichs fängt theatralisch an. Der Ansturm zum "Fünf Uhr Tee" in die Berliner Akademie der Künste ist so stark, dass die Leute verzweifelt nach ihren Plätzen suchen und einige im Clubraum auf dem Boden Platz nehmen müssen.

Über die "Kritik des Zuschauers" geht es an diesen Sonntag, das Gespräch soll um das zeitgenössische Publikum gehen, jenes, das laut einer These der Einladung "still leidet" und "höflich applaudiert".

Auf dem Podium ist zum einen Ulrich Matthes, einer, der für den Respekt dem Text gegenüber steht, für eindringliches und gewaltiges Spiel, das sich auf das Werk und seine Aussage konzentriert, auf der anderen Seite Fabian Hinrichs, der jüngst in einer Kritik wunderbar treffend als "Präsenz-Bolzen" bezeichnet wurde, und der gerade mit Rene Polleschs Ideologieproduktion "Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!" das Publikum der Volksbühne anmacht.

Matthes ist nicht einverstanden mit einem Publikum, das nur noch alles hinnimmt. "Da sitzt so ein mittiges Szenevolk", berichtet er von dem Polleschabend, "und das erste was dieser Typ mit der Mütze zu seiner Freundin sagt ist: 'Wenn ich mitmachen muss, dann gehe ich." Das Theater mag sich in den letzten zwanzig Jahren total gewandelt haben, aber die Angst des Zuschauers, auf das Geschehen auf der Bühne eingreifen zu müssen, sei gleich geblieben. "Das kann es doch nicht sein", mischt sich Hinrichs ein. "Ein Publikum wie ein riesiges Maul, das alles schluckt, was man ihm vorsetzt. Ich muss manchmal echt kämpfen, um nicht mit Verachtung zu reagieren."

Man habe heute alles schon gemacht, meint Matthes. Reduktionistisches Theater, Nackte, "Stücke, die gezerrt und gefleddert wurden und aufs Podest gestellt werden". "Tabus gibt es nicht mehr, es wird gepinkelt, mit Kartoffelsalat geworfen." Das schlimmste aber sei der Versuch, Distanz zum Stück aufzubauen. "Ich kann diese Ironie auf der Bühne nicht mehr ertragen", sagt Matthes und die Zuschauer des Fünf Uhr Tee applaudieren.

"Das ist ja interessant, dass sie jetzt klatschen", findet Hinrichs. "Das ist doch auch ihre Verantwortung als Publikum, wenn es keine Leidenschaft mehr gibt." Die Rolle des Publikums erklärt er mit Mick Jagger: "Das Publikum macht süchtig. Man tritt auf und spürt große Begeisterung. Die möchte man zurückgeben."

Die Standpunkte von Matthes und Hinrichs scheinen also gar nicht so weit entfernt voneinander, beide wünschen sich Zuschauer, die sie mitreißen können. Und beide scheinen das Gefühl zu haben, dass zu wenig passiert. Das Schlusswort gehört Matthes: "Wenn es keine neue Leidenschaft gibt, dann ist das Theater gefährdet, dann sagen die Leute irgendwann, dann gehe ich lieber ins Kino, da werden mir noch Geschichten erzählt."