Leserjury

Mein Bangen um "the Badge"

Mein Sesam-Kino-Öffne-Dich ist eine kleine Karte um den Hals, mit Foto und orangefarbenen Hintergrund - der "badge". Damit darf ich fast überall rein. Aber: Eine Ur-Angst bleibt, ihn morgens zu vergessen (also weder nachts noch beim Duschen ablegen), zu verlieren wäre eine ähnlich schreckliche Vorstellung.

Oder - noch schlimmer - dass irgendwelche spezialisierten Berlinale-Langfinger einem die Identität rauben wollen - gerade wenn frau cineastisch versunken auf etwas anderes konzentriert ist.

Gut, das ist eines der banaleren Probleme, abgesehen vom frühen Aufstehen - denn so ab 8.30 Uhr wimmelt es am Potsdamer Platz vor Konkurrenz, die müden Hauptes in Richtung Berlinale Palast hastet. Und dann geht das große Hauen und Stechen im Auditorium los. Genial ist der Sitz am Gang, gleich neben der Tür, durch die die Oberprofessionellen während des Abspanns halb blind tastend hinausstürzen, um als Erste ins Hyatt zur Pressekonferenz zu jagen.

Ist nun das Organisatorische nach ein paar Tagen in Fleisch und Blut übergegangen, kommt die eigentliche Herausforderung. Die Filmkritik! Nicht nur - mindestens - drei Filme am Tag anschauen müssen, manchmal ertragen, selten bezaubert werden, oftmals abgestoßen oder provoziert, und vor der Aufgabe stehend, eine symbolgeladene Bilderwelt zu entschlüsseln (ach so: düstere Wolken über New York bedeuten die aufkommende Finanzkrise) ... Nur gut, wenn der kundige Nachbar vernehmlich seine Rezension zum Besten gibt.

Neben der sich nun über Tage anhäufenden Filmrealität bleibt ein diffuses Bewusstsein einer parallelen realen und global existierenden Welt: Panahis Sitz bleibt leer, Mubarak gestürzt, Kosslick im Yogastand und unser aller Film und mein eigener, der morgen weitergeht.

Renate Amann ist eine von 12 Leserjuroren der Morgenpost