Interview mit Andres Veiel

"Keine Angst vor harschen Reaktionen"

Als Dokumentarfilmer ist Andres Veiel seit 20 Jahren eine Größe im deutschen Kino. Jetzt legt er spät sein Spielfilmdebüt vor und packt damit einmal mehr ein heißes Eisen an: Wie in seiner Doku "Black Box BRD" schlägt er nun auch in "Wer wenn nicht wir", der auf der Berlinale am Donnerstag Premiere hat, das Kapitel RAF auf - und erzählt die Vorgeschichte von Gudrun Ensslin und Andreas Baader.

Peter Zander hat mit dem Filmemacher gesprochen.

Berliner Morgenpost: Herr Veiel, Sie sind seit gut 20 Jahren als Dokumentarfilmer tätig. Wie kommt es, dass Sie so spät nun Ihr Spielfilmdebüt vorlegen?

Andres Veiel: Bei meinen bisherigen Filmen stellte sich mir immer die Frage: Kann ich das, was ich erzählen möchte, wirklich dokumentarisch festhalten? Es kam oft vor, dass Protagonisten sich verweigerten, fast alle Filme waren gefährdet durch einstweilige Verfügungen, die erst in letzter Minute abgewendet wurden. Da war immer die letzte Option, fiktional zu arbeiten. Dieses Missverhältnis wird immer schlimmer; die Angst der Zeitzeugen, dass ihre Bilder missbraucht werden, auch der Absicherungs-, der Kontrollwunsch steigt entsprechend. Das Risiko ist also, dass man zwei Jahre dreht und am Ende mit einem Wurmfortsatz von Projekt dasteht.

Berliner Morgenpost: Das klingt jetzt aber so, als sei ein Spielfilm nur eine Notgeburt für Sie ...

Andres Veiel: Nein, nein. Ich arbeite ja gerne mit Schauspielern. Ich habe auch schon Theater im Gefängnis gemacht und Theater mit älteren Leuten. Ich habe auch in meinen Dokumentarfilmen lange ums Theater gekreist, denken Sie nur an "Die Spielwütigen" oder "Der Kick", was ja eine Mischform wurde aus Dokumentiertem und Nachgestelltem. Ich habe immer danach gesucht, wo mir die Freiheit der Inszenierung etwas dazugewinnt. Der Schauspieler hat ja den Schutz der Rolle und kann deshalb bestimmte Dinge zeigen, die mir kein Zeitzeuge geben würde. Das war auch die Lust für mich, mich neu auszuprobieren.

Berliner Morgenpost: Ein Spielfilmdebüt ist allein ein großer Schritt, wieso wählten Sie ausgerechnet die Vorgeschichte der RAF als Thema?

Andres Veiel: Mir wurde es nahegelegt, und ich habe abgesagt. Als 2003 das Buch von Gerd König erschien über Gudrun Ensslin und Bernward Vesper, sagte man mir, lies das mal. Ich hatte aber "Black Box BRD" gemacht und dachte, was soll ich jetzt noch mal zurückgehen zu den Anfängen. Ich habe es dann aber doch gelesen und bin auf so viele neue Blickwinkel gestoßen. Ich glaubte, alles zu wissen, und habe doch so vieles noch nicht gewusst. Die Geschichte über die RAF beginnt gewöhnlich am 2. Juni 1967, mit den üblichen Bilderschleifen. Wir glauben alle, die Geschichte schon zigmal gesehen zu haben. Aber ich erzähle die Geschichte über weite Strecken komplett anders. Man muss da auch aufräumen mit bestimmten Geschichtsbildern.

Berliner Morgenpost: Sie hören deshalb auch da auf, wo die meisten RAF-Filme erst anfangen.

Andres Veiel: Ich wollte schon auch die Anmaßung, den ersten Schuss zu zeigen, der einen Unschuldigen trifft, bei der Baader-Befreiung. Ich wollte nicht romantisierend mit einem Paar aufhören, das in einem Auto in die Abenddämmerung des Untergrunds fährt. Ich wollte schon zeigen, ab hier gibt es eine Zäsur. Der Rest ist ja bekannt, da kann man dann aufhören. Ab da beginnt die blutige Spur der RAF. Aber ich wollte zeigen, dass es vorher einen Aufbruch gab. Damals wurden oft auch richtige Fragen gestellt, nur wurden sie ab einem bestimmten Punkt falsch beantwortet. Und das hat ganz viel mit einem Heute zu tun, freilich unter anderen Vorzeichen.

Berliner Morgenpost: Das müssen Sie jetzt genauer erläutern.

Andres Veiel: Die Unruhe von damals hat schon auch mit der von heute zu tun. Eigentlich ist es ein Film über unsere Gegenwart. Natürlich gab es damals ein sehr vereinfachtes Weltbild, das eine große Schubkraft evoziert hat. Da war der Feind: Amerika, der Imperialismus. Das ist heute nicht mehr so einfach, die Welt ist viel komplexer geworden. Aber das große Gemeinsame ist die Unruhe, das Gefühl, dass bestimmte Dinge passieren, auf die wir keinerlei Einfluss haben, obwohl sie uns unmittelbar betreffen. Wir müssen uns fragen, welche Entscheidungen 1994 dazu geführt haben, dass dieser Bahnhof in Stuttgart realisiert werden soll. Oder Stichwort Finanzkrise: Wie kommt es, dass plötzlich 500 Milliarden in einen Bankenrettungsfonds fließen, bei dem niemand weiß, was da an Forderungen auf jeden von uns zukommen wird. Da begibt sich der Staat mit Unsummen in eine Abhängigkeit, während dieses Geld an elementaren Stellen fehlt. Die Frage ist: Wann kommt der Punkt, wo ich gesellschaftliche Prozesse infrage stelle. Und diesen Punkt des Aufbegehrens finde ich sehr spannend. Die Auseinandersetzung mit Geschichte bedeutet nicht, dass wir die Zukunft voraussehen werden, aber es ist doch ein Diagnose-Instrument: Wenn ich genau hinschaue, was damals passiert ist, kann ich bestimmte Fragen heute zuspitzen oder anders stellen.

Berliner Morgenpost: Wann immer auf der Berlinale ein RAF-Film gezeigt wurde, gab es mit großer Verlässlichkeit harsche Reaktionen, sei es bei "Stammheim" 1987 oder bei "Baader" 2002. Sind Sie dafür gewappnet?

Andres Veiel: Ich habe das in Stuttgart schon erlebt. Da habe ich im Staatstheater aus dem Drehbuch gelesen; es gab danach Diskussionen, die ich in einem Bild zusammenfassen kann: Ich musste mehrfach meine Brille putzen, weil die Leute so erregt waren, dass die Spucketröpfchen sich auf den Gläsern abgelegt hatten. Natürlich deute ich hier Figuren neu, und das muss kollidieren. Ich bringe bestimmt bei manchen Götter-, bei manchen Hassbilder ins Wanken. Dass da Abwehr kommt, das weiß ich, das muss auch so sein. Wenn der Film nicht provoziert, dann habe ich was falsch gemacht.

Berliner Morgenpost: Die größte Anmaßung von "Baader Meinhof Komplex" war wohl, dass der Film so tat, als sei alles längst vorbei. Glauben Sie, dass die RAF-Debatte je zu Ende sein wird?

Andres Veiel: Wir glauben immer, wir haben alles verstanden. Und dann kommt eine neue Information, und das Kartenhaus stürzt ein. Sämtliche Attentate der dritten Generation sind nicht aufgeklärt, viele Menschen wissen etwas und nehmen dieses Wissen möglicherweise mit ins Grab. Viele staatliche Quellen stehen uns weiter nicht zur Verfügung, wegen Informantenschutz oder um eigene Verwicklungen in strafrechtlich relevante Prozesse von V-Menschen zu verschleiern. Nach wie vor sind Kilometer von Aktenschränken nicht zugänglich.

Berliner Morgenpost: Sie zeigen vieles nicht. Sie gehen schon davon aus, dass wir alle "Baader Meinhof Komplex" und ähnliche Titel kennen?

Andres Veiel: Nichts ist schlimmer, als wenn ich anfange, mich selbst zu langweilen. Ich will mit jeder Szene etwas Neues ausloten. Dinge, die man schon kennt, wollte ich dann wenigstens aus neuer Perspektive zeigen; Ensslin auf der Anklagebank etwa aus dem Blickwinkel ihres Mannes im Gerichtssaal. Manchmal entstehen ja schon durch Nuancen neue Bilder.

Berliner Morgenpost: Da der Film auf einem internationalen Festival läuft: Überfordert man damit vielleicht das ausländische Publikum, dem diese Bilder nicht so vertraut sind?

Andres Veiel: Ich finde, man kann und muss viel fordern. Nichts ist schlimmer, als wenn ich das Gefühl habe, mir wird im Film etwas übererklärt. Lieber ein Film, der mir zu wenig erklärt, bei dem ich gefordert bin. Vielleicht verstehe ich da nicht alles, das aber beschäftigt mich dann gerade deshalb länger. Man darf den Zuschauer nie in den Zustand der Saturiertheit bringen. Man muss immer die eigene fragende Unruhe weitergeben, und das heißt: vieles offenlassen.

Wer wenn nicht wir 17.2., 19.30 Uhr, Berlinale-Palast; 18.2., 12 und 20 Uhr, Friedrichstadtpalast, 18.30 Uhr Eva-Lichtspiele