Film: "Margin Call"

Kevin Spacey lacht die Krise weg

"Margin Call" ist der klassische "Eine Nacht/ein Haus"-Film. Mehrere Personen treffen an einem Ort aufeinander, Konflikte kommen zum Ausbruch und werden ausgetragen - und am nächsten Morgen ist das Beziehungsgewitter vorbei, und die Geläuterten gehen ihrer Wege.

Tennessee Williams hat solche Stücke geschrieben, Ingmar Bergman solche Filme gedreht, Ehe- und Familiendramen. Bei J. C. Chandors "Margin Call" ist alles etwas größer. Das Haus ist der Wolkenkratzer einer Wall-Street-Investmentbank. Die Familie umfasst deren Beschäftigte vom einfachen Aktiendrücker über den Abteilungsleiter bis zum Vorstandschef. Und das, worum es geht, ist zu maßlos für Läuterung.

"Margin Call" ist nach "Wall Street - Geld schläft nicht" der zweite große amerikanische Film, der sich aus der Sicht von Bankern mit der Finanzkrise von 2008 befasst - und im Vergleich fallen einem die Schwächen von Oliver Stones Film noch klarer auf. Stone versuchte, das gesamte Panorama der Krise in zwei Stunden abzubilden, vom alten Finanzhai zum neuen, vom Bankvorstand bis zur Notenbank, vom Kollaps der Börse bis zur Geburt eines Babys. Chandor - ein Drehbuch- und Regieneuling -, vereinfacht, um differenzieren zu können.

Anders als Stone versucht er gar nicht, das komplexe Netz der Krisenursachen zu entwirren. Er erklärt uns Börsenamateuren nicht einmal, was sein Filmtitel "Margin Call" (auf Deutsch, aber auch nicht viel erhellender, "Nachschuss-Aufforderung", was im Terminhandel im Wesentlichen bedeutet, dass eine Bank ihre Kunden auffordert, weiteres Geld auf sein Einschusskonto zu zahlen, um eine eingetretene ungünstige Kursbewegung zu decken).

Einer von den Händlern der Investmentbank, man darf hinter ihr getrost Lehman Brothers als Vorbild vermuten, entdeckt einen Fehler in der Formel, nach der die Bank ihre Geschäfte betreibt (und mit ihr viele andere quer über die Welt); sie ist dadurch viel zu hohe Risiken eingegangen, und wenn die Kurse nur um ein paar Prozent sinken sollten, wäre sie pleite.

Viel mehr muss man in "Margin Call" gar nicht von Finanzgeschäften wissen, denn es geht dem Film nicht um die Zusammenhänge des Finanzmarktes, sondern um die Unternehmenskultur (sprich: -Unkultur) einer gesamten Branche.

Während die Alarmmeldung im Lauf des Abends ihren Weg von den unteren Etagen in die oberste macht, begegnen wir der ganzen Palette grausigen korporativen Verhaltens, dank der Summen, um die gezockt wird, allerdings ins Monströse vergrößert. Am Anfang steht eine normale Kündigungswelle; die Händler werden von ihren Bildschirmen weggeholt, mit dem Aufhebungsvertrag konfrontiert und müssen direkt nach der Unterschrift unter Aufsicht eines Security-Gorillas ihre Siebensachen zusammenpacken und das Haus verlassen. Ihr Geschäftshandy ist bereits lahmgelegt, als sie vor die Tür ihrer bisherigen Arbeitsstätte treten.

Dessen ungeachtet prahlen Mittzwanziger, die es nicht erwischt hat, mit ihren Boni um die Wette; ein Vorgesetzter erklärt, warum ihm von zweieinhalb Millionen am Jahresende kaum etwas übrig bleibt. Abteilungsleiter Kevin Spacey putscht seine Unterlinge mit kollektivem Klatschen zu Höchstleistungen auf und verspricht jedem Einzelnen ein paar Millionen, wenn sie möglichst viele giftige Papiere möglichst schnell an möglichst viele ahnungslose Käufer verscheuern.

Vorstandschef Jeremy Irons wiederum erklärt Kevin Spacey, warum es immer viele arme Schlucker gegeben habe und auch immer geben werde und weshalb Gewissensbisse überflüssig seien. Irons, mit den für sein Alter zu langen Haaren, sieht aus wie ein Achtundsechziger-Saulus, der die Seiten gewechselt hat und zum Kapitalismus-Paulus geworden ist.

In seiner hemdsärmeligen Verachtung für sämtliche Regeln von Gesetz und Anstand wirkt er wie die zeitgenössische Ausgabe von Jeff Bridges' Wildwest-Marshall in "True Grit", dem Berlinale-Eröffnungsfilm vom Donnerstag. Dort gibt es eine Szene, in der ein Anwalt dem Marshall vor Gericht mehrfachen kaltblütigen Mord nachweist - und man staunt, als Bridges nach der Verhandlung als völlig freier Mann den Saal verlässt. In "Margin Call" hält sich unser Erstaunen in Grenzen, als Jeremy Irons gegen Ende unbeschwert ein Frühstück verzehrt, nachdem er den Ruin von Tausenden von Anlegern auf den Weg gebracht hat.

"Margin Call" schildert eine Höllennacht an Computerbildschirmen und in Konferenzräumen, in denen eine Bank verzweifelt versucht, ihre faulen Papiere an Gutgläubige loszuschlagen, bevor alle anderen das auch tun und die Gutgläubigen aussterben. Es ist ein reiner Männerfilm, auch wenn Demi Moore als Managerin auftaucht, aber sie hat sich komplett dem Dollartestosteron unterworfen - was ihr nichts nützt, weil sie am Ende von der Männergesellschaft geopfert wird, die Entscheidungen auf der Herrentoilette auskungelt. Familien, Freunde, Bekannte kommen in Chandors Film praktisch nicht vor, und das ist letztlich die richtige Entscheidung, weil sie in der geschlossenen Welt des Investmentbankings auch keine Rolle spielen.

In den Händen eines europäischen Regisseurs wäre dieselbe Geschichte wahrscheinlich wesentlich systemkritischer ausgefallen. Chandors Debüt ist keine Anklage, weder einer einzelner Personen noch die einer Branche, noch die eines Wirtschaftssystems. Er benutzt die Form eines Thrillers, bei dem die Uhr auf den unvermeidlichen Showdown zutickt; morgens um sechs müssen die Weichen gestellt sein, um den Bankrott zu vermeiden. Er kommt einer Erklärung des Phänomens, dass der Zusammenbruch selbst für die Trader unerwartet kam, nahe. Er beobachtet, wie sich in einer Situation äußersten Drucks bei Menschen, die nie über das Dollarzeichen vor ihrer Nase hinaus gedacht haben, plötzlich so etwas wie ein Bewusstsein für Recht und Unrecht einstellt. Eine Nacht lang. An deren Ende wird Kevin Spacey alle Regungen des Gewissens und des Mitgefühls begraben - und das ist wörtlich zu nehmen.