Fernsehen

Seltsame Anzüge, seltsame Witze: Ein Wiedersehen mit Ilja Richter

Damals reichte es, wenn bei einem Quiz ein Kofferradio und ein Plattenspieler als Gewinne ausgelobt wurden. Der Gewinner durfte Ilja Richter in seiner "Disco" besuchen und bekam vom Zeremonienmeister ein Präsent überreicht: einen Gutschein für eine kleine Reise (oder ein Kofferradio oder auch einen Plattenspieler). Man kann also sagen, dass die "Disco", die am 11. Februar 1971 erstmals vom ZDF ausgestrahlt wurde, eine unschuldige Sendung war.

Ilja Richter hatte zuvor eine wundersame Sendung namens "4-3-2-1 Hot & Sweet" moderiert, die im öffentlich-rechtlichen Fernsehen seit 1969 die Grundversorgung mit Popmusik sichern sollte. Richter war das, was Erwachsene damals wohl für einen drolligen, unkonventionellen, kecken jungen Mann hielten: ein spilleriger Sprücheklopfer mit Konfirmationsanzug, Fliege und lustiger Frisur, der den spießigen Onkel von nebenan so karikierte, dass der selbst darüber lachen konnte. Viele Jahre nach der "Disco" sah ich Ilja Richter in einem Hamburger Lokal, wo er Grünkohl aß und übers Mobiltelefon jemandem einzureden versuchte: "Du bleibst mir gut, ja?"

Wir sind Ilja immer gut geblieben, obwohl wir nie begreifen konnten, weshalb er im November 1982 seine "Disco" schloss, um etwas so Volatiles und total Erwachsenes wie "eine Schauspielkarriere" zu beginnen. Für uns waren seine sogenannten Sketche mit Giganten wie Berti Vogts und Udo Jürgens das einzige Schauspiel diesseits der "gespielten Witze" von Didi Hallervorden. Iljas ritueller Ausruf "Licht aus - Spot an!" bestimmte den Samstagabend nach der "Sportschau".

In der "Disco" (die jeweils gültige Jahreszahl war immer angehängt: "Disco 76") kam es zu einem Clash der Kulturen, den heute nicht der verwegenste DJ wagen würde: Slade trafen auf Cindy & Bert, Peter Maffay auf Suzi Quatro, Hot Chocolate auf Michael Holm, Showaddywaddy auf Jürgen Marcus, ABBA auf Gordon Lightfoot und Tony Marshall und Christian Anders und Marianne Rosenberg und die Rubettes. David Cassidy sang sein "Jeans On" in der Sendung. Und als die 70er Jahre vorbei waren, wurde auch ihr Muff weggeblasen: von Roxy Music, Soft Cell, Human League, Yazoo und dem "Kommissar" von Falco. Noch immer traten Nicole, Katja Ebstein und Bernhard Brink in der "Disco" auf - aber die friedliche Koexistenz von anglo-amerikanischem Shalala und deutschem Schubidu funktionierte nicht mehr mit hippiemäßiger Duldungsstarre: Elektronik und die Stilversessenheit der britischen "New Romantics" ließen den altklugen Oberschüler-Humor Ilja Richters selbst als vermufft erscheinen. Auch Richter kannte die Maxime, nach der man keinem über 30 trauen solle. Er hüpfte von seiner Kanzel.

In der besten Zeit der "Disco" versammelte sich das Publikum wie in Papas Partykeller zum ungelenken Hampeln und Herumhängen. Von Bier, Schnaps und Marihuana abgeschnitten, entwickelten die Jugendlichen aber nicht die etwas verschwitzt-lüsterne Engtanz-Atmosphäre des heimischen Reviers. Die amorphen, wie hypnotisierten Halbwüchsigen mit kümmerlichen Bärten, großen Brillen, Schlaghosen und engen Pullovern über Hemden mit breiten Kragen schunkelten gleichmütig zu der Musik oder tanzten träge. In Hamburg und Berlin, später in Unterföhring bei München wurden die 45 Minuten aufgezeichnet, die von den Altvorderen als "Schwof" oder "Tanzschaffe" bezeichnet wurden. Wir Achtjährigen wussten von den älteren Geschwistern und deren "Clique", wie man damals sagte, dass Sweet und die Bay City Rollers knorke waren. Nur Mädchen mochten Gilbert O'Sullivan an seinem Klavier. Und Bernd Clüver hatte in unserem Sprengel keine Freunde.

Noch sprach kein Mensch von "Popkultur", und "Rock" war eine Sache für den "Beat-Club". In der "Disco" versuchte die Redaktion mittels der Sketche, bildungsbürgerliches Wissen auf den Schwingen der Blödelei zu transportieren. Ilja Richter und seine Mutter schrieben die geradezu dadaistischen Knittelverse und steinerweichenden Schlagerparodien, ihr Umgang mit aktuellen Hits und volkstümlichem Liedgut war beinahe postmodern. Natürlich verstanden wir nicht ein Jota von den Wortspielen, den Verballhornungen und Albernheiten.

Ilja verkleidete sich so, wie wir uns beim Fasching ausstaffierten, und in seinen Spielszenen machte er sich oft genug über ältere Gäste lustig. Die Generation von Peter Frankenfeld und dem "Blauen Bock" saß noch beim Abendbrot, wenn die "Disco" das Jetzt zelebrierte, als würde es Sailor und Village People ewig geben. Die Künstler in ihren abenteuerlichen Piraten- und Räuber-Hotzenplotz-Kostümen taten so, als gäben sie jederzeit alles für einen Applaus, und das Publikum tat - nichts. Anbiedernd stolzierten manche Musiker durch die schütteren Reihen von Pubertierenden - aber keine Hand wurde ausgestreckt, niemand fiel ihnen um den Hals, nicht einmal die schüchterne Blume wurde übergeben, wie es in Dieter Thomas Hecks "Hitparade" üblich war.

Und auch die meisten Gewinner des Studiobesuchs blieben seltsam reglos, wenn sie von Ilja Richter auf die Kanzel gerufen wurden. Heute wissen wir natürlich, weshalb das so war: Die "Disco" war eine Messe, und bis sie gelesen war, hatte man sich ruhig zu verhalten. Statt der Ekstase: die Wonne der Kontemplation. Statt Rebellion: die Dankbarkeit dafür, dass es überhaupt ein Fernsehen gab, das wir schauen durften.

Zum 40. Jubiläum sendet das ZDF heute Nacht fünf Stunden "Disco" nonstop. Soeben sind eine DVD-Box und eine CD-Sammlung erschienen. Und im Frühling geht Ilja Richter mit seiner alten "Disco" auf Tournee. Licht aus - Spot an!

40 Jahre Disco . Die ZDF-Kultnacht, ZDF. 0.20 - 5.35 Uhr.