Interview mit Wim Wenders

"Ich kann nur noch in 3D drehen"

Es ist genau elf Jahre her, dass Wim Wenders auf der Berlinale einen Film präsentierte. Im Jahr 2000 wurde das Festival mit seinem "Million Dollar Hotel" eröffnet, für den der Regisseur am Ende einen Silbernen Bären erhielt.

Seither aber war er stets auf anderen Festivals, in Cannes und in Venedig. Aber nicht in Berlin. Obwohl das doch seine Stadt ist. Hier zeigt er nun ein Herzensprojekt: "Pina", seine Hommage auf das Tanztheater im Allgemeinen und Pina Bausch im Besonderen. Und wieder einmal erwies sich Wenders als Pionier: Er drehte seinen Dokumentarfilm in 3D. Peter Zander hat mit ihm gesprochen.

Berliner Morgenpost: Herr Wenders, Ihnen ist der schlimmstmögliche Fall passiert. Kurz vor dem Drehen ist Ihre Hauptfigur gestorben.

Wim Wenders: Pina Bausch wäre nicht nur die Hauptdarstellerin gewesen, sie war der eigentliche Grund, diesen Film zu machen. Den wollten wir ja gemeinsam machen, einen Film von uns beiden, aber eben über sie und ihre Arbeit. Dann ist Pina in der Woche vor den ersten Probeaufnahmen gestorben. Sie wollte sehen, wie das 3D aussieht und funktioniert, aber dafür wollte sie keine anderen Filme sehen, sondern eben ihre Tänzer. Sie meinte, nur dann könne sie das beurteilen. Aber das hat sie nicht mehr erlebt. Und den Film wollte ich dann auch nicht mehr machen. Es schien alles hinfällig. Ich hab alles gecancelt.

Berliner Morgenpost: Aber schließlich kam es dann doch zur Fertigstellung?

Wim Wenders: Es dämmerte uns allmählich in den Wochen danach - vor allem durch die Einwände der Tänzer. Die sagten: "Wim, wir fangen jetzt an zu proben. Pina hat das ja zum Teil selber noch mit uns einstudiert. Und einer der Gründe, warum Ihr beide das machen wolltet, ist ja, dass diese Stücke dann anders aufgehoben wären. Wir verstehen natürlich, dass du es erst mal nicht mehr machen wolltest, aber eigentlich, wenn du es dir genau überlegst, muss die Devise gelten: jetzt erst recht." Nun hatte ich für solch einen Film ohne Pina natürlich erst mal gar kein Konzept, es war ja alles mit ihr geplant. Und so haben wir zunächst nur die Tanzstücke gefilmt, wie sie sich das gewünscht hätte. Erst im Laufe des Jahres 2010 habe ich dann den Großteil des Films gedreht, der zwar noch ganz von Pinas Kunst handelte, in dem aber nun ihr Orchester, dieses großartige Ensemble, die Hauptrolle spielte.

Berliner Morgenpost: Seit wann haben Sie Pina Bausch eigentlich gekannt?

Wim Wenders: Seit Mitte der achtziger Jahre. Von 1978 bis 1984 hatte ich in den USA gelebt, und den Aufstieg von Pinas Tanztheater zu großem Ruhm in ganz Europa komplett verpasst. Erst als ich zurückkam, habe ich die ersten Stücke gesehen. Und dann auch gleich mehrere hintereinander. Das war nicht in Deutschland, sondern in Venedig. Da habe ich Pina dann auch persönlich kennengelernt.

Berliner Morgenpost: Und wann ist die Idee für den gemeinsamen Film aufgekommen?

Wim Wenders: Ich habe das in meiner Begeisterung gleich beim ersten Treffen vorgebracht. Ich war hin und weg von dem, was ich gesehen hatte. "Über Dein Tanztheater würde ich gern mal einen Film mit Dir machen." Pina hat damals nur gelächelt, wobei ich nicht wusste, war sie interessiert oder hieß das: Du kannst mir viel erzählen. Aber aus dem Lächeln wurde über die Jahre ein interessiertes Lächeln. Und irgendwann die auffordernde Gegenfrage: "Was ist denn nun mit dem Film? Machen wir damit mal Ernst?"

Berliner Morgenpost: Sie waren also in der Bringschuld?

Wim Wenders: Die ich lange Zeit nicht erbringen konnte. Pina hat mir gezeigt, was bereits von ihren Stücken gefilmt worden war. Das war ihr irgendwie nicht genug. Aber mein Problem war: ich hätte das auch nicht viel besser machen können. Tanz im Film darzustellen, da kommt man schnell an gewisse Grenzen. Das kann man graduell ein bisschen besser machen, aber nicht entscheidend anders. Das war dann immer unser Running Gag, wann immer wir uns gesehen haben in der Welt. "Wann!?" - "Wenn ich weiß, wie!" Es wurde ihr aber auch immer ernster damit. Denn je mehr Stücke sie choreographiert hat, desto dringender war ihr Bedürfnis, dass es diese auch anders gäbe als auf der Bühne. Sie hatte recht: sonst gab es ihre Stücke einfach nicht mehr! Das war für sie ein existenzielles Bedürfnis.

Berliner Morgenpost: Bis der Groschen fiel, und der hieß: 3D.

Wim Wenders: Nicht, dass ich das irgendwie geahnt hätte. Aber als ich den ersten digitalen 3D-Film gesehen hatte, wusste ich, das ist es. Das ist wie gemalt für den Tanz!

Berliner Morgenpost: Sie sind jetzt einer der ersten Filmautoren, der 3D nicht im Effektekino benutzt, sondern im Arthouse-Kino einsetzt. Fühlt man sich als Pionier?

Wim Wenders: Es blieb uns gar nichts anderes übrig, als Pionierarbeit zu machen. Wir mussten die Technik ganz schön schubsen, um das zu erfüllen, was ich Pina versprochen hatte: unverfälschte, fließende Bewegung in einem natürlichen Raum herzustellen. Und das wäre nicht einen Monat eher gegangen als eben im Herbst 2009. Selbst wenn man sich "Avatar" anguckt, sieht man, wie unglaublich schön sich zwar diese künstlichen Wesen bewegen, aber wenn man mal stärker auf den Hintergrund achtet, dann sieht das alles recht ruckig und nicht so elegant aus. Das hat der Cameron auch zugegeben. Der hat lange dafür gekämpft, seinen Film mit 50 Bildern pro Sekunde drehen zu können. Aber diese Norm gibt es noch nicht. Alle Kinos dieser Welt können 3D nur mit 24 Bildern pro Sekunde spielen. Das ist aber nicht gut genug. Auch für die Zukunft wäre es besser, man würde das umstellbar gestalten. Wir haben das getestet, das war ein Traum, aber das hätte kein Theater spielen können. Wir mussten wie Cameron zähneknirschend klein beigeben. Trotzdem haben wir die Technik nah dahingebracht, ein natürliches räumliches Gefühl herzustellen.

Berliner Morgenpost: Glauben Sie, dass 3D jetzt auch im Arthaus-Kino eine Chance hat, vielleicht sogar die Zukunft ist?

Wim Wenders: Ich glaube durchaus, dass sich im Lauf der nächsten Jahre ein Filmbereich dieses Medium wirklich aneignen wird, und das ist der Dokumentarfilm. Die Technik ist schon da. Selbst in dem Jahr, in dem wir gedreht haben, ging das von ziemlichen Riesenapparaturen am Anfang bis zu handlichen Geräten. Ich kann mir vorstellen, dass in ein paar Jahren niemand mehr einen Dokumentarfilm anders sehen will als in 3D. Schauen Sie: Mitte der neunziger Jahre war der Dokumentarfilm im Kino so gut wie tot, und erst durch die neue digitale Technik hat sich das Genre praktisch neu erfunden. Ich denke, das kann jetzt noch einmal passieren. Die 3D-Technik verfeinert sich rapide und wird auch stetig billiger. Das Material zu schneiden, das war für uns fast noch eine größere Leistung als das Drehen. Aber auch das entwickelt sich wahnsinnig schnell.

Berliner Morgenpost: Sind Sie denn nun infiziert? Werden Sie künftig weiter in 3D drehen?

Wim Wenders: Im Moment hätte ich wirklich Probleme, anders zu drehen. Ich habe inzwischen auch zwei Kurzfilme in 3D gedreht, beides Dokumentarfilme, und möchte gern auch meinen nächsten Spielfilm so drehen. Obwohl ich jetzt noch so lange mit "Pina" beschäftigt sein werde, dass daran noch nicht zu denken ist. Aber zurück zu einem "flachen" Sehen, daran mag ich momentan nicht mal denken.

Pina (Wettbewerb Außer Konkurrenz) Premiere: 13.2.,19.30 Uhr Berlinale-Palast. Wiederholungen: 14.2., 14.30 und 22 Uhr, Urania