Diskussion

Was das Besondere am Protest gegen Stuttgart 21 ist

Die Wutbürger sind zu Hause geblieben. Im Café des Hau-Theaters schlürfen Studenten in Rollkragenpullis an ihrer Limonade, Plüschsessel werden umhergerutscht, die Fenster sind mit rosa Stoffbahnen bedeckt.

Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar spricht in entspannter Atmosphäre über die Gegner des Verkehrsprojekts Stuttgart 21. Heinz Bude, der am Hamburger Institut für Sozialforschung die deutsche Gesellschaft erforscht, leitet den Abend mit den Worten ein: "Die Erregung hat sich gelegt". Das ist eine recht überraschende Beobachtung. Schließlich haben sich am gleichen Tag Hunderte Gegner des Milliardenprojekts Rangeleien mit der Polizei geliefert.

Doch ist das auch der Tenor bei Kraushaar, wenn er das auch keinesfalls als "Nachruf" auf die Ereignisse in Baden-Württemberg verstanden wissen will. Die Bilder - Polizisten in gepanzerter Montur, Menschen, die sich unter Baufahrzeuge legen - sind ihm zufolge das Gesicht einer anhaltenden gesellschaftlichen Spaltung. Kraushaar weiß, wovon er spricht. Er gilt als Chronist der 68er-Bewegung und der RAF. Zuletzt hat er über die Rolle der Ex-Terroristin Verena Becker bei der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback 1977 geschrieben.

Man merkt schnell: Kraushaar, schlohweißes Haar, schwarzer Rollkragenpulli, steht auf der Seite der Protestler. Gleich zu Beginn untergräbt er ein beliebtes Argument für den Umbau des Bahnhofs. "Wer will schon zehn Minuten eher in Ulm sein?", witzelt er. Schlimm, wettert der 63-Jährige, wie die Medien die Demonstranten in Schubladen packen. Es handele sich nicht um eine "Dagegen-Republik", deren nörgelnde Bürger jedes Großprojekt boykottieren. Ebenso wenig könne man den "Mutbürger" feiern, der gut gekleidet seine Pfeilspitzen auf die herrschende Klasse richte.

Dass die Protestler einer bürgerlichen Mitte entstammen, ist auch Kraushaars Überzeugung. Dafür zitiert er Ergebnisse zweier Studien, die zeigen, was für Menschen in Stuttgart eigentlich aufbegehren. Die Demonstranten sind demnach älter, gebildeter, finanziell unabhängiger als angenommen. Sie wählen die Grünen, was ihnen, wie Kraushaar einwirft, den Titel der "Waldbürger" einbrachte.

Doch dass Besser-Gestellte für mehr Mitbestimmung kämpfen, ist so neu nicht. Seit den Siebzigern versuchen ökologisch engagierte Menschen mit Bürgerinitiativen auf politische Entscheidungen einzuwirken. "In Deutschland gibt es eine besondere Protestkultur", sagt Kraushaar. Viele Demonstranten seien mit ihrem Leben zufrieden. Sie kämpfen für gesellschaftliche Ziele, den Umweltschutz etwa.

Das Besondere in Schwaben ist aber, dass neben ältlichen Damen mit Perlenketten auch Schüler und Studenten gegen die geplanten Baumfällungen vorgehen.

Kraushaar nippt an seinem Glas. Selbst erlebt, sagt er noch, habe er die Proteste ja nicht.