Andras Fehling

Ein Shootingstar aus Karlshorst

Für Schauspieler Alexander Fehling wird diese Berlinale nicht nur spannend. Sie wird vor allem anstrengend. Denn der 29-Jährige, der als deutscher Preisträger zu den zehn europäischen Shooting Stars gehört, spielt auch in einem Wettbewerbsfilm die Hauptrolle und steckt außerdem noch mittendrin in Theaterproben.

Am 19. Februar, zwei Tage nach seiner Premiere von "Wer wenn nicht wir", dem Spielfilmdebüt von Dokumentarfilmer Andres Veiel, feiert er am Maxim Gorki Theater mit "Madame Bovary". dem Roman Gustave Flauberts, Premiere. Ein Spaziergang geht anders. Für den leichten Weg ist Alexander Fehling ohnehin nicht der Typ. Er mag das Ungewisse, die Herausforderung, die Zweifel, und er ist ständig auf der Suche danach. Als Schauspieler, sagte er, muss man Risiken eingehen, "sich auf Rollen einlassen, bei denen man unsicher ist". So ging es ihm mit der Rolle von Andreas Baader in "Wer wenn nicht wir". Er weiß: "Mit Baader kann man richtig auf die Fresse fliegen."

Aber davor hatte er keine Angst. Er hat gelernt, dass es wichtig ist zu scheitern. Es gäbe ohnehin keine Garantie für Erfolg, keine Sicherheit, die vor Kritik schützt. Wenn er sich auf eine Rolle vorbereitet, komme irgendwann der Punkt, an dem er sagt: "Ich bin soweit, wie ich bin. Ich bin so unsicher, wie ich bin. Und nur die Suche zählt." Mal fällt dieser Prozess leichter wie bei seinem Auftritt als Sven Lehnert in "Am Ende kommen Touristen" oder als junger Goethe im gleichnamigen Kinofilm. Und mal eben schwerer. Die Aufmerksamkeit, die er für seine Arbeit bekommt, die Auszeichnung als deutscher Shooting Star, gefällt ihm. "Die Neugier tut mir gut", sagt der ausgebildete Bühnenschauspieler. Die Filmwelt, stets auf der Suche nach neuen Stars, beobachtet ihn. Aber Vergleiche, die gezogen werden, Erwartungen, die an ihn gestellt werden, prallen weitgehend an ihm ab. "Ich könnte kein Erbe antreten", wehrt er ab.

Nicht das von Til Schweiger als Frauenschwarm und Herzensbrecher, obwohl Fehling absolut ein Frauentyp ist. Und nicht das von Kollege August Diehl, der mit 21 erster deutscher Shooting Star wurde. "Mir ist bewusst, dass ich Rollen spiele, die im Vordergrund stehen, die nach vorne wollen, Typen, die die Regeln machen." Aber der Verführer mit den blauen Augen will er nicht sein. "Ich suche mir Rollen nicht danach aus. Ich bin nicht exhibitionistisch veranlagt."

Auch Vorbilder hat er nicht. Er sei nie ein totaler Fan gewesen, wollte nichts nachmachen. Alexander Fehling wuchs in Berlin-Karlshorst auf. Irgendwann wollte er vom Fußballspielen auf der Straße zum Theaterspielen auf die Schulbühne. Er gesteht: "Ich bin nicht mit den großen Filmklassikern groß geworden. Ich bin mit Bud Spencer aufgewachsen." Als Junge habe er nicht viel ferngesehen. "Ich habe als 15-Jähriger nicht gesagt: Marlon Brando ist der Größte. Ich habe gefragt: Marlon what?"

"Jeder muss seinen eigenen Weg gehen", hat er erkannt. Dass er mit seiner aktuellen Rollenauswahl als der Mann für die großen Fußstapfen gelten könnte, ist ihm bewusst. "Jetzt hast du gerade Goethe gespielt, und jetzt spielst du Baader. Das kauft dir kein Schwein ab", musste er befürchten. Aber er sieht das nicht als Last, eher als Chance: "Ich weiß, ich muss mich vom Erfüllungsdruck lösen." Denn für den Zuschauer spiele es keine Rolle, ob es für ihn besonders schwer oder ein Risiko war, eine Figur zu spielen. Für den Zuschauer zähle die Unterhaltung. Er nähert sich seinen Rollen deshalb nicht intellektuell: "Spielen muss etwas Sinnliches sein. Logik spielt dabei keine Rolle." Der Berliner sagt: "Wenn man sich anmaßt, Menschen zu spielen, einen Andreas Baader zu spielen, dann bin ich auch dafür verantwortlich, dass ich mich laufend zur Debatte stelle und auf der Suche nach Antworten bleibe." Er wolle seinen Beruf mit Demut ausüben. Dann sei es auch okay, wenn er fünf schlechte Filme mache. Dann sei das eben eine schlechte Phase.

Alexander Fehling ist mit 29 kein blutjunger Shooting Star mehr. "Vielleicht ist es gerade gut, dass ich länger brauchte", sagt er. Sein 30. Geburtstag ist ein Anlass, Gedanken zu bündeln. "Ich habe keine Panik. Aber ich spüre, dass der Spagat zwischen dem, was man ist und dem, was man sein will, nicht mehr so groß ist, dass mir ständig die Leisten wehtun. Das empfinde ich als etwas Erleichterndes."