Sebastian Koch

Harte Schale, empfindlicher Kern

Es ist fast unheimlich, wenn er Briefe von Robert Schumann vorliest. Dann bekommt Sebastian Kochs sonore Stimme eine ungeahnte Warmherzigkeit und Leichtigkeit. Allerdings ist es anfänglich ziemlich schwer, mit dem von Oscar-Glamour umwehten Filmschauspieler ("Das Leben der anderen") über den deutschen Romantiker Robert Schumann zu reden. "Die Musik ist mir nahe", sagt er zunächst knapp.

Bei Schumann kann man über Biografisches reden oder über die romantischen Gefühle, die seine Musik in einem auslöst. Der Schauspieler überlegt einige Zeit, auf welchen Weg er sich einlässt. Was wiederum bemerkenswert ist, denn eigentlich ist Koch gerade mit zwei musikalisch-literarischen Schumann-Programmen unterwegs, in denen an der Seite seiner Schauspielkollegin Marina Gedeck, der Clara, quasi in die Rolle des Robert schlüpft und dessen Briefe und Tagebucheintragungen vorträgt.

Ein moderner Geschichtenerzähler

Und außerdem gehört er zu den erfahrensten Kronzeugen, die vor ihren Filmpremieren ausdauernd Rede und Antwort stehen. Filmrollen sind immer das Leben eines anderen und da Kochs Figuren - von Thomas Mann über Stauffenberg und Albert Speer bis hin zu Wolf Larsen - oftmals zwiespältige, zwielichtige, zweiflerische Charaktere sind, ist er als Gesprächspartner gefragt. Aber Schauspieler sind heutzutage sowieso die populärsten Geschichtenerzähler - im Sog ihrer Filme. Wer glaubt noch Historikern, Psychologen und Zeitzeugen, wenn populäre Schauspieler es glaubwürdiger, verständlicher auf den Punkt bringen können?

Unvergessen ist Sebastian Kochs TV-Gespräch bei Kerner, der sich in geradezu investigativer Geste über seinem Schreibtisch versteifte und den Darsteller von Hitlers Architekten Albert Speer ins nationale schlechte Gewissen hinein befragte. Koch fand die richtigen Stichworte und Bilder. Speer war schizophren, aber auch sympathisch. Er war in seinem Tun ein Mathematiker, kein Schauspieler. Und das Verhältnis von Hitler und Speer umschreibt er mit dem "Drogensüchtigen und seinem Dealer". Solche griffigen Psychogramme können alle gut finden, und es bleibt immer politisch korrekt. Aber hinter allem offenbart sich auch Kochs scharfe Beobachtungsgabe, was Sprache und Körperhaltung seiner Rollenvorbilder angeht. Darin ist er ein Virtuose. Seine Körpersprache vermittelt Selbstbewusstsein ohne Angriffslust.

Dabei weiß man, dass er zuviel Fassade auch nicht ertragen kann. Rote Teppiche fand er früher unangenehm. Und als Thomas Gottschalk mit ihm in gemütlicher Runde bei "Wetten, dass...?" über die Seekrankheit bei den Dreharbeiten zum "Seewolf" plaudern will, platzt Koch heraus: "Wolf Larsen kotzt nicht einfach." Womit er wieder einmal die ganze Wahrheit über seine Filmfigur des Kapitän Larsen gesagt und es zugleich vermieden hat, über Sebastian Koch, den Darsteller, zu sprechen.

Der Schauspieler betreibt in Charlottenburg ein kleines Ladenbüro nahe seiner Wohnung. Bei dem Dreckwetter muss der Besucher an der Tür intensiv seine Schuhe abtreten, damit die Streusandsteinchen vom Gehweg nicht den guten Steinfußboden zerkratzen. Das klingt häuslich, möglicherweise ist es bereits die Schwelle in etwas Privateres. Zunächst saust er hin und her, macht Kaffee, telefoniert mit seiner Assistentin und führt beiläufig freundlich aufgeschlossen seine Gespräche.

Normalerweise wird er am meisten auf den Film "Das Leben der Anderen" angesprochen, jedenfalls international, in Deutschland dagegen auf "Stauffenberg". Es sind seine großen Rollen. Aber vor einigen Jahren kehrte er, der einmal zum Ensemble des Schiller-Theaters gehörte, wieder mehr auf die Theaterbühne und aufs Podium zurück. Eben dichter ans Publikum. "Ich weiß immer genauer, was ich machen möchte", sagt Sebastian Koch. Dazu gehören die Lesungen.

Sebastian Koch, der Frauenschwarm, ist ein stattlicher Mann voller Energie - und mit einem lang vertrauten Gesicht. Wohl deshalb unterläuft auch mir der Fehler, ihn zum Kronzeugen im Fall Schumann machen zu wollen. Natürlich kennt er sich mit Musik gut aus. Koch hat selbst sieben Jahre lang Geige gespielt, schließlich Trompete, sogar im Schulorchester, und ist schließlich bei der Gitarre gelandet. Ein Instrument lehnt in seinem Büro an der Wand. Es sieht gebraucht aus. "Die hohe Romantik gefällt mir", sagt er und betont "Robert Schumanns komplizierte verinnerlichte Seele". Kurz darauf wird er eingestehen, dass die hochempfindliche Seele seiner eigenen nicht unähnlich sei. Aber das will er eigentlich gar nicht gesagt haben. Zu privat.

Bei Schumann sind es das Schöpferische und das Verzweifelte. Am Bemerkenswertesten findet Koch, dass "diese beiden Seiten bei Schumann fein getrennt sind, was es eben nicht so oft gibt." In den Programmen geht es um das Verhältnis des Künstlerehepaars Clara und Robert Schumann. "Beide waren sehr starke, große Künstler", sagt Koch, "die von der Sehnsucht lebten". Gerade die Nichterfüllung sei kreativ, so wurde das Sehnsüchtige in die Musik übersetzt.

Über Frauen wird nicht geredet

An den Schumanns findet der Rezitierende gerade auch die logistisch komplizierte Situation erwähnenswert. "Das war eine moderne Patchworkfamilie", sagt er und verweist auf Brad Pitt und Angela Jolie, die ein ähnliches Familienmanagement betreiben müssen, um erfolgreich zu sein. "Die Familie ist der Hafen, aber schließlich holt einen in der Ehe die Realität wieder ein." Das wird in den ausgewählten Briefen auch deutlich. Dass seit einigen Jahren gerade auch Clara Schumann wieder gleichrangig neben ihren Mann gestellt wird, erklärt sich Koch damit, dass "die Frau wunderbar in unseren Zeitgeist passt, in denen Frauen immer mehr zu Leitfiguren werden. Manche werden dabei rückblickend größer gemacht." Aber über Frauen möchte Koch gar nicht so richtig reden. Zu privat.

Clara Schumann passt wunderbar in unseren Zeitgeist, in denen Frauen immer mehr zu Leitfiguren werden

Sebastian Koch, Schauspieler