Dokumentation

Das Filmprojekt "Khodorkovsky" gibt Rätsel auf

Cyril Tuschi schlägt vor, sich in einem Restaurant mit Schweizer Küche zu treffen. "Fingerli" und "Güggeli" stehen auf der Speisekarte, das klingt beruhigend niedlich. Vielleicht ist die Wahl des Ortes ein Zeichen für Tuschis Sehnsucht nach eidgenössischer Neutralität - jetzt, wo der Regisseur mit seinem Dokumentarfilm "Khodorkovsky" über den inhaftierten russischen Ex-Oligarchen Michail Chodorkowski zwischen die Fronten geraten ist. Und das, noch ehe das Werk am Montag seine Weltpremiere auf der Berlinale erlebt.

Über den Einbruch in seine Produktionsräume, bei dem ihm jüngst wie schon zuvor im Urlaub Computer und Festplatten mit Filmmaterial gestohlen wurden, möchte Tuschi nicht mehr reden. Lieber über den Film selbst. Aufbauschend werde in russischen Zeitungen behauptet, dass durch den Film sowohl über Chodorkowski als auch den Kreml kompromittierendes Material zum Vorschein kommen könne, sagt er. Und "in der Blogosphäre in Russland flippen die jetzt aus." Anhänger Chodorkowskis schimpften, der Film werde ihm schaden. Tuschi kann die Aufregung nicht nachvollziehen: "Ich zeige nur, dass Chodorkowski ein Mensch ist und kein Heiliger."

Dass es so einen Tumult um ihn gibt, behagt Tuschi nicht. Nennt er sich doch selber einen "Harmonisten". Wenn man mit ihm durch seinen Kiez in Berlin-Mitte läuft, wo er seit vielen Jahren lebt, stoppt er an jeder Ecke für ein Schwätzchen. Er erinnert an eine sympathische Mischung aus Zwanziger-Jahre-Flaneur und Hippie-Gaukler - der einen sehr russisch anmutenden Kinnbart trägt.

Wieso hat er sich an ein so brisantes Thema gewagt? Als gelernten Spielfilmregisseur habe ihn das Drama angezogen, das mit Chodorkowski und seinem Erzfeind Putin Charaktere von Shakespeare-Format biete, sagt Tuschi. "Mein Hauptinteresse an Chodorkowski war: Warum hat so ein scharf und strategisch denkender Mensch diesen Fehler gemacht?" Trotz der Verhaftung seines Geschäftspartners Platon Lebedew war Chodorkowski 2003 nach Russland zurückgekehrt. "Warum ist er nicht lieber mit viel Geld ins Exil gegangen?" Die Antwort darauf hat Tuschi nicht gefunden.

Tuschi interviewte ebenso Angehörige und Vertraute Chodorkowskis wie Spekulanten und Kreml-Berater. Hinter die kontrollierte Fassade des einstigen Oligarchen gelangte der Filmemacher nicht, obwohl er sich das erste Interview von Angesicht zu Angesicht erkämpfte, das Chodorkowski in der Haft geben durfte. "Das war schon vorher so, etwa, als ich ihn in einem Brief fragte, ob sich seine Träume im Gefängnis unterscheiden von denen draußen. Er schrieb: ,Ich habe keine Albträume. Die Leute, die mich ins Gefängnis gebracht haben, sollen Albträume haben.'"

Statt weiterer Ausflüge in die Weltpolitik will Tuschi nun Henning Ahrens' Roman "Lauf Jäger lauf" verfilmen. Darin folgt ein argloser Bursche einem Fuchs in den Wald und landet bei einer Horde gefährlicher Gestalten. Eigentlich das, was Tuschi gerade selbst erlebt.