Interview mit PJ Harvey

"Veränderung kann nur etwas Gutes bedeuten"

| Lesedauer: 6 Minuten

Sich neu zu erfinden, ist für PJ Harvey ein Kinderspiel. Ihr neues Album "Let England Shake" erscheint am Freitag und überrascht nicht nur durch die Instrumentierung mit Autoharp und Gitarre, sondern auch textlich.

Statt vom inneren Seelenleben zu singen, beschäftigt die britische Sängerin diesmal mit gesellschaftspolitischen Themen. Am 21. und 22. Februar stellt sie ihr neues Werk im Admiralspalast vor. Im Gespräch mit Nadine Lischeck spricht die 41-Jährige über Politik, Heimat und Krieg.

Berliner Morgenpost: Ihr neues Album heißt "Let England Shake". Das klingt wie der Aufruf zu einer Revolution. Ist es das, was Sie wollen?

PJ Harvey: Ich weiß nicht, was denken Sie?

Berliner Morgenpost: Dass Sie die Leute mindestens wachrütteln und zum Denken anregen wollen, wenn Sie wie in "The Words That Maketh Murder" von durch die Gegend fliegenden Leichenteilen singen...

PJ Harvey: Ich will Gefühle hervorzurufen. Ich versuche mit meinen Songs Ideen zu präsentieren, die die Leute hoffentlich dazu bringen, sich selbst Gedanken zu machen und ihren eigenen Standpunkt zu finden. Gleichzeitig versuche ich meine Texte in Interviews nicht zu sehr zu analysieren und auseinander zu nehmen. Ich möchte die Songs offen lassen, damit die Hörer sie selbst interpretieren können.

Berliner Morgenpost: Es heißt, Sie mögen es nicht, wenn Songs belehrend klingen.

PJ Harvey: Das stimmt. Es gibt Songs, die gut funktionieren, obwohl sie sich mit schwierigen und politischen Themen beschäftigen - andere hingegen funktionieren nicht. Es ist ein sehr schmaler Grad, da die richtige Balance zu finden, ohne die Leute zu belehren. Wenn man mit so konkreten, gewichtigen Worten arbeitet - vor allem vor dem Hintergrund der politischen Geschehnisse in unserer Welt - ist das gar nicht einfach. Ich habe viel Zeit mit den Texten verbracht, ohne überhaupt an die Musik oder Melodien zu denken.

Berliner Morgenpost: Wie politisch darf Popmusik sein?

PJ Harvey: Kunst in all ihren Formen und Facetten kann auf sehr scharfsinnige und doppeldeutige Art genutzt werden - und somit sehr provokant sein. Dafür interessiere ich mich was meine Arbeit betrifft. Ich habe versucht, sehr mehrdeutig zu texten, man kann alle möglichen Bilder oder Schlüsse aus meinen Songs ziehen.

Berliner Morgenpost: In Songs wie "The Glorious Land" beschreiben Sie Englands Glanzzeit, aber Sie singen auch "Englands dancing days are gone". Ist die Zukunft des Landes so düster?

PJ Harvey: Naja, wir leben definitiv in einer Zeit, in der die Macht sich verschiebt. Länder, die einst Imperien waren, sind nichts mehr. Es ist aufregend, das mitzuerleben. In meinen Augen kann Veränderung nur etwas Gutes bedeuten. Aber mir ist es als Künstlerin immer wichtig, verschiedenen Ideen nachzugehen und unterschiedliche Blickwinkel anzunehmen. Logischerweise habe ich nicht all die Dinge, um die es in den Songs meiner Karriere geht, selbst erlebt oder gefühlt. Viel davon entsteht, indem ich mich in andere Personen hinein versetze.

Berliner Morgenpost: Aber wie gelingt es Ihnen, die Gefühle eines Soldaten zu beschreiben? Haben Sie mit Leuten gesprochen, die im Krieg waren?

PJ Harvey: Das habe ich. Und ich habe viel recherchiert - zwei oder drei Jahre. Ich hatte das Gefühl, dass ich das tun müsste, bevor ich solche Themen anspreche. Ich habe viel gelesen: Gedichte, politische Reden und Schriften, traditionelle Songs aus allen möglichen Ländern von Kambodscha über Russland bis Aserbaidschan. Und ich habe viele Dokumentarfilme geguckt und Gemälde angesehen.

Berliner Morgenpost: Was hat Sie dazu gebracht, Kriege zum Thema Ihres Albums zu machen?

PJ Harvey: Ich erinnere mich, dass ich irgendwann in der Tageszeitung etwas über Afghanistan gelesen habe. Mir wurde förmlich schlecht, weil ich gleichzeitig so frustriert, wütend und voller Scham war. In dem Moment hatte ich plötzlich das Gefühl, dass es für mich sehr wichtig ist, jetzt in dieser Phase meines Lebens einige dieser Gefühle zu artikulieren.

Berliner Morgenpost: Der Fotograf Seamus Murphy, der für jeden Ihrer zwölf Songs auf diesem Album ein Video drehte, war bereits selbst an Kriegsschauplätzen wie Afghanistan und im Irak. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

PJ Harvey: Ich bin 2008 durch meine Recherche auf eine Ausstellung von ihm in London gegangen. Seine Arbeit hat mich sehr bewegt, so dass ich Kontakt zu ihm aufgenommen habe. Auch er hat mir viel aus seiner Zeit in den Kriegsgebieten erzählt. Abgesehen von den Videos arbeiten wir auch an einer Dokumentation.

Berliner Morgenpost: Den Titelsong "Let England Shake" haben Sie letztes Jahr in der britischen TV-Sendung "The Andrew Marr Show" vorgestellt. Am selben Tag war auch der britische Premierminister Gordon Brown zu Gast.

PJ Harvey: Eine Woche vor den Wahlen so einen Song vor dem Premierminister zu singen, war eine unglaubliche Möglichkeit, von der ich nie zu träumen gewagt hätte

Berliner Morgenpost: Konnten Sie den Gesichtsausdruck von Gordon Brown sehen, als die Zeile "Englands dancing days are gone" sangen?

PJ Harvey: Leider nicht! Ich sah ihn nur von hinten (lacht). Und ich hatte aus Sicherheitsgründen auch nicht die Möglichkeit mit ihm zu sprechen. Aber immerhin hörte er den Song und sah mich dabei, wie ich ihn auf der Bühne sang.

Berliner Morgenpost: Welchen Stellenwert hat Politik?

PJ Harvey: Politik war mir schon immer wichtig - und deswegen war dieser Tag auch so besonders für mich. Aber ich habe erst kürzlich begonnen, über solche Dinge in meinen Liedern zu schreiben, weil ich mich als Songschreiberin bisher nicht gut genug fühlte. Ich hatte nicht das nötige Selbstvertrauen. Jetzt wo ich etwas älter bin und mehr Erfahrung habe, hatte ich das Gefühl, dass ich solche Themen in meiner Musik ansprechen kann.

Berliner Morgenpost: Kommen Sie denn aus einem politischen Elterhaus?

PJ Harvey: Meine Eltern sind politisch und wir haben solche Dinge zu Hause diskutiert. Allerdings haben wir sehr unterschiedliche Ansichten. Als Kind kannte ich natürlich nur Ihre Sichtweise. Wenn man älter wird, entwickelt man seine eigenen Ideale.