Berlinale

Sex, Tod und Rebellion

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Spätestens seit er 1997 auf dem Filmfestival in Cannes von seinen Kollegen der "Palme der Palmen" ausgezeichnet worden war, gilt Ingmar Bergman als bester Filmregisseur aller Zeiten. Das hat er wirklich nicht verdient. Denn das Aufsehen zum künstlerischen Olymp meidet der gemeine Kinogänger so instinktsicher, wie einem Sitzplatz in der ersten Reihe, direkt vor der Leinwand - man befürchtet Genickstarre.

Um einem Film als Zuschauer überhaupt gerecht werden zu können, braucht es eine Perspektive auf Augenhöhe und die ist umso schwerer einzunehmen, wenn man bereits einer Generation angehört, die 1982 schon allein aus Jugendschutzgründen den letzte Kinofilm Bergmans "Fanny und Alexander" links liegen lassen musste, um stattdessen im größten Saal der damals so verbreiteten Schachtelkinos "E.T." von Steven Spielberg anzuschauen.

So, wie einen die geniale PR-Maschine Hollywoods auf allen Kanälen vermittelte, man sei kein ganzer Mensch, wenn man sich nicht für den Außerirdischen mit Schildkrötenkopf und frühen Propagandisten der Mobiltelefonindustrie ("Nach Hause telefonieren...") interessiere, versperrt einem Bergmans Ruf als unantastbares Genie den unbefangenen Zugang zu seiner Kunst. Du hast "Citizen Kane" nicht verstanden? Banause! Du bist bei "Lawrence von Arabien" eingeschlafen? Penner! Dich nerven "Szenen einer Ehe"? Dafür bis Du noch zu jung!

Zeitalter des Heimvideos

Es gibt allerdings kein besseres Alter, um sich gerade von solcherlei Bevormundung freizumachen, als das der Pubertät. Das Gefühl, ein nicht-gesellschaftsfähiger ,Penner' zu sein, gehört zu dieser Zeit wie Pickel, während einen die geradezu zwanghafte Suche nach außerfamiliären Identifikationsangeboten höchst empfänglich für existenzielle Schlüsselreize macht. Und genau hier wird das wunderbare Privileg jener wirksam, die zu spät geborenen wurden, um zu erleben, wie die Premiere eines neuen Bergman-Films zum Ereignis, im besten Falle gar zum Skandal wurde: man wächst im Zeitalter des Heimvideos auf. Das heißt: unbeleckt von bildungsbürgerlichen Dünkeln, ungeachtet der wahrscheinlichen Nichterreichbarkeit eines Programmkinos kann man nun in der Abgeschirmtheit seines Jugendzimmers alles entdecken was zählt: Sex, Tod und Rebellion. Und neben den Büchern von Hermann Hesse, neben "Der Fänger im Roggen" und dem pathetischen Rüpel-Poeten Jim Morrison samt seiner Band The Doors gehört Ingmar Bergman (1918-2007) zu den Wegweisern in diese wesentlichen Welten - auch, wenn die große ihm gewidmete und natürlich komplett zu begrüßende Retrospektive auf der Berlinale ihr Programm etwas zaghafter in Kategorien wie "Beziehungen", "Glaube" und "Künstler" sortiert.

Das wäre dem guten alten Hollywood nicht passiert: in der derzeit im Filmmuseum am Potsdamer Platz laufenden, und in zwei parallelen Buchveröffentlichungen auch außerhalb Berlins nachvollziehbaren prächtigen Ausstellung "Ingmar Bergman. Von Lüge und Wahrheit" hängt ein kleines Plakat, das 1953 für den US-Kinostart von Bergmans Teenager-Liebe-Drama "Ein Sommer mit Monika" warb. Zur Erinnerung: Junge und Mädchen (die auch heute noch entzückende Harriet Andersson) verleben einen sorglosen Sommer der Liebe. Sie wird schwanger. Sorgen, Drama, Betrug, Schluss. Das Plakat schreit es förmlich heraus: "Monika - The Story of a Bad Girl!" Und nicht nur das: "The Devil Controls her by Radar!". Wem diese Aussicht auf ein böses, vom Teufel ferngesteuertes Mädchen noch nicht reichen sollte, um das nächstliegende Lichtspiel zu stürmen, bekommt es über allem noch mal zum Mitschreiben: "Naughty and Nineteen!" Man muss nicht erst feststellen, dass das Internet zu diesen Schlagworten über eine halbe Millionen Assoziationen in 0,7 Sekunden ausspuckt, um zu wissen, dass Das die Menschen heute wie damals brennend interessiert. Ja, man neigt angesichts der zeitlosen Anziehungskraft gewisser Themen und ihrer Präsenz in den ältesten wie in den neuen Medien dazu, ,Modernität' nur als eine Illusion anzusehen - für Leute, die sonst keine Werte haben.

Das stimmt natürlich - zum Glück - so nicht; es waren nicht zuletzt Bergmans Filme, die zwischen den 40er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts zwar klassisch in Bildgestaltung und Schauspielführung waren, aber eben auch unzweifelhaft aufklärerisch wirkten; sie waren im besten Sinne modern. Von seinem "Kino als Therapie" ist in diesem Zusammenhang gerade viel die Rede. Allerdings: Wie in "Das Siebte Siegel" (1957) Selbstfindung und Todesangst im Schatten der christlichen Jenseitserwartungen verhandelt wurden und die gefühlsverwirrte, emanzipatorisch motivierte Paartherapie in "Szenen einer Ehe" (1973) ablief, schloss jeweils das eigene Verfallsdatum mit ein - zumindest in soweit, dass diese Themen in der durchtherapierten Gegenwart keine Tabus mehr darstellen. "Über die Psyche wissen wir nichts" hieß es vor 37 Jahren bei Bergman. Ob in der HBO-Serie "In Treatment" oder im RTL-Hit "Die Super Nanny", auch wer sich nicht selbst auf die Couch legt, bekommt heute Verhaltenstherapien frei Haus und vors Sofa.

Beziehungskrisen bleiben ein Thema

Ein Trugschluss allerdings wäre, die Probleme und eingestandene Neurosen, die der schwedische Meister zur Diskussion stellte, heute kollektiv für überwunden zu halten. Die Lösungsansätze haben sich lediglich verlagert. So war Dani Levys wunderbares Neo-Bergman-Drama "Väter" vor einigen Jahren leider nur in sofern erfolgreich, als dass sich die dort verhandelte Beziehungskrise als Bebilderung für den Streit um fällige Reformen im Sorgerecht heranziehen ließ. Es ist indes hoch interessant, unter welchen Bedingungen in aktuellen Filmen die klassische Bergman-Anordnung (ein Raum, zwei bis drei Protagonisten, viel Diskussionsstoff) wieder auflebt. Lars von Triers "Antichrist" entwickelte sich zum hyperbrutalen Horror-Schocker, in dem die Natur zur diabolischen Bedrohung wird. Der gerade für den Oscar nominierte "Rabbit Hole" ist ein sanft empathisches Drama, in dem Nicole Kidman mit Gott hadert und sich gegen familiäre Zwänge wehrt. In beiden Filmen versuchen Eltern mit dem Tod ihres Kindes zu leben, in beiden Fällen ist die Psychotherapie eine selbstverständliche Praxis. Darüber, ob Ingmar Bergmans Kunst auch nachwachsenden Generationen noch etwas zu sagen hat, muss man sich indes nicht weiter den Kopf zerbrechen. Sein Werke mit den wunderbar Klartext sprechenden Namen ("Schande", "Das Schweigen") gehören nicht (nur) ins Arthaus-Abteil, sondern dorthin, wo sich die Bestseller für alle sichtbar stapeln: zu den momentan Buch-Hits zählen schließlich auch Titel, die "Schändung" oder "Kein Wort zu Papa" heißen.

In unseren Kinos läuft im März der US-Überraschungs-Horror-Hit "The Rite - Das Ritual" mit Anthony Hopkins an, Bergmans TV-Film "Der Ritus" gibt es während der aus guten Gründen aufs Kino spezialisierten Berlinale zwar nicht zu sehen, auf DVD aber sehr wohl. Es kann also lediglich unsere Aufgabe sein, Bergman für die Jugend so erreichbar wie möglich zu machen. Sich selbst überlassen, im eigenen Raum, werden sie dann schon herausfinden, was sie voneinander haben.