Literatur

"Eben noch im Knast, jetzt auf der Show-Bühne"

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Im Untergeschoss des Kulturkaufhauses "Dussmann" sind alle Plätze besetzt. Es wird gejohlt, gerufen, geklatscht. Christoph Maria Herbst wird aus seinem neuen Buch vorlesen.

Noch posiert der Schauspieler vor den Kameras, nein, eigentlich tut der 45-Jährige das, was er immer tut: Er verzieht sein Gesicht zu einem leicht spöttischen Grinsen und greift mit gespreizten Fingern an die fein geschliffenen Brillengläser. Die künstliche Palme hinter ihm passt zum dunklen Teint und dem braunen Cord-Jackett. Herbst sieht aus, als wäre er eben erst die Planke des Traumschiffes hinuntergelaufen.

"Ganz Deutschland ist wohl zugeschaltet", wirft er in den Raum, bevor er beginnt, von seinen Erlebnissen an Bord der "MS Deutschland" zu erzählen. Fünf Wochen verbrachte er für die ZDF-Serie im Januar 2010 in diesem Mikrokosmos deutscher Piefigkeit. Und mit Piefigkeit kennt er sich aus. Herbst ist mit der Figur des Bernd Stromberg für die gleichnamige Comedyserie bekannt geworden.

Dabei war nicht klar, ob Herbst sein Werk überhaupt präsentieren könnte. Denn im Buchhandel ist es in diesen Tagen aus den Regalen, der Verkauf ist gerichtlich untersagt. Der Fischer Verlag will die neue Auflage Ende der Woche im Handel haben - mit geschwärzten Stellen. Und so nutzt Herbst den Auftritt auch, um diese "Zensur", wie er es nennt, zu demontieren. Sein Verlag habe gewisse Rechtsmittel eingelegt, sagt er geheimnisvoll, während er mit schwarzem Filzstift übermalte Seiten in die Menge hält. Und schiebt fröhlich hinterher: "Eben noch im Knast, jetzt auf der Show-Bühne".

Die Generalkritik am medialen Biotop "Traumschiff" trägt er umso charmanter vor. Herbst plaudert vom Anruf seiner Agentin, die ihn im ZDF sehen will. Doch das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist sein Ding nicht, zu verstaubt, zu schlecht bezahlt, und überhaupt. Dann das Schlüsselwort: Er könne nach Bora Bora reisen, in die Südsee, na also, ruft er, Traumschiff, ich komme. Virtuos umschreibt er Produzenten Wolfgang Rademann, Rade, dieses Männchen, das riecht, als habe es gerade eine ganze Knoblauchzehe verdrückt. Während er also auf Rade wartet, durchleidet Herbst existenzielle Krisen. Nie habe er Hartz IV-TV, Fernsehen für die Masse, machen wollen. "Wie spricht man schlechte Texte gut?", sinniert er. Doch Rade fegt mit seinem sympathischen Wanst alle Bedenken fort. "Elf Bier später möchte ich ihn heiraten", verrät Herbst.

Er trägt nicht einfach vor. Er lebt seine monströsen Sprachgeschöpfe. Er rümpft die Nase, kneift die Augen, er gestikuliert, tobt, schreit. Christoph Maria Herbst überhöht seine seichten Anekdoten recht geschickt. So etwa, wenn er an Bord des "Traumschiffs, die Gesellschaft dick gepuderter Damen aufsucht, und deren Angewohnheit, die beste Freundin ungeniert auf Körbchengröße und Faltentiefe zu prüfen, perfekt nachäfft. Im November, sagt Herbst zum Abschied, werde er auf Lesereise gehen. Er hält inne, guckt, trommelt auf die Tischplatte. "Und falls ich da noch im Knast sitze, kommt ihr eben alle zu mir."