Geitels Geschichten

Strawinskys Stellvertreter

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Nicht alle Komponisten, denen der Erfolg versagt blieb, kriechen glücklich auf den Intendantenstuhl eines Opernhauses. Wobei das Intendantenamt, dem früher vor allem repräsentativer Charakter zukam, inzwischen auch eine hochkomplizierte Maschinerie geworden.

Nicolas Nabokov, ein Cousin des Schriftstellers Vladimir Nabokov, visierte gar kein Amt dieser heißen, der ständigen und noch dazu meist gehässigen Kontroverse ausgesetzten Art an. Er kam nach Berlin, scheinbar geradezu aus dem Nichts, und übernahm die Leitung der Berliner Festwochen. Kaum hatte je irgendjemand auch nur einen einzigen Ton seiner Musik gehört.

Dabei war er als Komponist ausgewiesen, und das war er schließlich von Anfang auch. Allerdings machte sein Werk sich rar in den Konzertprogrammen, auf den Bühnen in aller Welt.

Dabei war es ihm, dem jungen Russen, in Paris gelungen, sich in den Kreis um Serge Diaghilew einzugemeinden. Prompt erhielt er den Auftrag zu einem Werk für die "Ballets Russes". Es gab sich, wie erforderlich, mächtig avantgardistisch. Doch was war es in Wahrheit? Strawinsky witzelte Diaghilew ins Ohr: "Sie wissen, woran das erinnert? Es könnte von einem Vorläufer von Glinka geschrieben sein". Und Nabokov fragte er direkt und ganz ohne Umschweif; "Woher kennen Sie all diese Salonmusik von 1830?" Nabokovs Antwort blieb unbekannt. Dennoch befreundete er sich eng mit Strawinsky. Zeitweilig lebten und komponierten sie in Paris sogar Wand an Wand. Mittags und abends besuchten sie gemeinsam die gleichen Lokale. Nabokov wuchs hinein in den Musikbetrieb, der sich nach dem Krieg unaufhaltsam internationalisierte.

Er wurde 1951 Generalsekretär des Kongresses für Kulturelle Freiheit, der seinerzeit auch redegewaltig in Berlins Titania-Palast tagte. Von dort war es für Nabokov ein kurzer, wenn auch erstrebenswerter Weg in Willy Brandts Arme. Nabokov sah sich 1964, im vierten Jahr nach dem Mauerbau und ein Jahr nach Wolfgang Stresemann, als dessen Nachfolger an der Spitze der Berliner Festwochen installiert.

Wirklich heimisch aber wurde er in Berlin nicht. Er blieb ein respektierter Fremdling vor Ort. Er demissionierte nach dem Festival von 1967. Jahre später erhielt er als Dank für seine Arbeit ein großartiges Abschiedsgeschenk: die Deutsche Oper Berlin brachte als Gast in Brüssel 1973 eine Oper von Nabokov, die sie selbst vor Jahr und Tag in Auftrag gegeben hatte, zur Uraufführung.

Ich war Nabokov über die Jahre hin wiederholt begegnet. Er erschien mir immer wie ein Stellvertreter Strawinskys auf Erden, ein weit angenehmerer noch dazu als Robert Craft, der sich Strawinsky höchst erfolgreich geradezu unter den Nagel gerissen hatte. Nabokov stellte seine Internationalität sofort deutlich unter Beweis. Er lud das schwarze Afrika zu Gast nach Berlin, im Jahr darauf Japan mit seinem Kabuki-Theater. Alles schön und gut. Nur Nabokovs Oper war es betrüblicherweise nicht. Sie trug ihren Titel zu Recht: "Vergebliche Liebesmüh". Zutreffender hätte sie gar nicht heißen können.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern