Gary Moore

Ein Gitarrist für alle Fälle

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Harald Peters

Jimi Hendrix ist schuld. Nachdem der 16-jährige Gary Moore ein Hendrix-Konzert in seiner Heimatstadt Belfast besucht, ist er für das bürgerliche Leben endgültig verloren.

Also zieht er aus dem Norden in den Süden nach Dublin, tritt der ortsansässigen Rockband Skid Row bei, in der ein gewisser Phil Lynott singt, der die Gruppe jedoch bald verlässt, um Thin Lizzy zu gründen - Gary Moore wird ihm später folgen. Doch zunächst hält er erst einmal an Skid Row fest, versucht, der Band zum Durchbruch zu verhelfen, nimmt einige Platten mit ihr auf und gewinnt sogar den Respekt von Fleetwood-Mac-Gitarrist Peter Green, seinem anderen großen Idol. Aber der kommerzielle Erfolg will nicht kommen, weshalb Moore Skid Row 1972 verlässt.

Das Dazustoßen und Verlassen bleibt eines der Grundprinzipien seiner Karriere, er ist kein Gitarrist für dauerhafte Bindungen, kaum ist er da, ist er auch schon wieder weg. Er will der beste Gitarrist der Welt werden und hat daher keine Zeit zu verlieren, das passende Umfeld dafür zu suchen.

Für eine Weile hält er die Gary Moore Band für geeignet. Doch schon nach einem Jahr trennt er sich von seiner eigenen Gruppe und wechselt 1973 zu Thin Lizzy. Aber auch dort ist sein Auftritt von recht kurzer Dauer. Tatsächlich ist er auf nur wenigen Stücken der klassischen Phase der Gruppe zu hören - weswegen die Behauptung, Moore sei mit Thin Lizzy zu Ruhm gekommen, vielleicht doch ein wenig gewagt ist.

Durchbruch mit der Solokarriere

Noch gewagter ist allerdings Moores Idee, ab Mitte der siebziger Jahre mit der progressiven Fusionrock-Quartett Collosseum II zu Erfolg zu kommen. Dummerweise finden die relativ uferlosen Kompositionen bei der Hörerschaft nicht den erwünschten Anklang, weswegen Gary Moore sich nach drei Alben lieber seiner Solokarriere widmet, die er dann aber wieder zugunsten von Thin Lizzy aufgibt - aber auch das zweite Gastspiel soll nicht lange währen.

So geht es im Grunde immer weiter. Moore wechselt zwischen Soloprojekten und Zweckbündnissen hin und her, so dass sein Ruhm sich vor allem dadurch mehrt, dass er überall auftaucht - bei B.B. King, in der Nähe von Eric Clapton, sogar bei Aufnahmen von Andrew Lloyd Webber. Er ist beliebt, weil er sein Handwerk beherrscht, ein Gitarrist für alle Fälle. Stilistisch schwankt er vor allem zwischen Hardrock und Blues, in den Achtzigern wagt er sich dann in die Nähe des kommerziellen Heavy Metal, um dann 1990 mit "Still Got The Blues" zum Blues zurückzukehren. Das Album bringt ihm endlich den lang erhofften Hit und darf als Blaupause für seine späte Karriere gelten, in der er seinen Alben Titel wie "Blues For Greeny", "Back To The Blues", "Power Of The Blues" und "Old New Ballads Blues" verpasst.

Und zum Blues, wenn man ihn denn als schattigen Gemütszustand begreift, hat er in den späten Jahren auch allen Grund. Muss er sich doch ab 2001 mit einer Urheberrechtsklage herumschlagen, die ein gewisser Jürgen "Judy" Winter gegen ihn angestrengt hat. Moore wird verdächtigt, für seinen großen Hit "Still Got The Blues" ausgerechnet Jürgen "Judy" Winters Komposition "Nordrach" von der weithin unbekannten deutschen Krautrockband Jud's Gallery plagiiert zu haben. Platten gibt es von dem Titel zwar nicht, aber in den Siebzigern haben Winter und Jud's Gallery ihn des Öfteren im Schwarzwald und Umgebung zur Aufführung gebracht. Nachweislich ist das Stück immerhin ein einziges Mal vom Südwestfunk im Radio gesendet worden. Und wer weiß, vielleicht war Gary Moore zur Sendezeit gerade in der Gegend?

Das zuständige Landgericht in München hält das zumindest für möglich und gibt Winter 2008 Recht: Moore soll zahlen. Das Verfahren beschäftigt zurzeit die nächsthöhere Instanz.

Wie das Verfahren ausgeht, wird Gary Moore nicht mehr erfahren. Von dem großen Bluesmusiker B.B. King ist er offiziell als Ziehsohn anerkannt worden. Dem 85-jährigen Vater geht es nach wie vor ausgesprochen gut. Gary Moore starb mit 58 Jahren in einem Hotelzimmer an der Costa del Sol.