Interview

"Gedichte sind das Geschenk meiner späteren Jahre"

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Wenn im Paradies pausenlos Verdi gespielt würde, dann bäte er um Urlaub und ginge ins Fegefeuer. Ein Pianisten-Witz: Alfred Brendel, der im Januar seinen 80. Geburtstag feierte, ist unter den Satirikern angekommen. Eine spitze Zunge hatte er schon immer.

Er freue sich, so sagte er noch bei seinen Abschiedsfeierlichkeiten im Jahr 2008, wenn das Publikum ein wenig jammere. Bis dahin gehörte zu den meistgefeierten Klaviervirtuosen der Klassikwelt. Jetzt kehrt der Österreicher - gemeinsam mit seinem Sohn, dem Cellisten Adrian Brendel - wieder in die Philharmonie zurück. Der 80-Jährige beginnt seine Spätkarriere als Literat und Vortrags-Künstler. Er ist zweifellos gut ausgebucht. Volker Blech befragte Alfred Brendel.

Berliner Morgenpost: Offenbar war es doch kein Abschied. Jetzt sind Sie für zwei Abende wieder in Berlin und beginnen heute mit - so ist es angekündigt - einem "Vortrag und Klavier". Wie muss man sich Ihren Auftritt praktisch vorstellen?

Alfred Brendel: Mein Abschied vom Konzertpodium ist nicht ein Abschied vom Podium. Ich halte jetzt in Berlin einen Vortrag, das heißt, ich trete auf, spreche zum Publikum und wende mich zum Klavier, wenn ich Beispiele spiele. Mindestens 60 Klavierbeispiele, meist sehr prägnante, fragmentarische, spiele ich während eines Vortrags an. Außerdem gibt es ja am folgenden Abend noch eine Lesung von eigenen Gedichten aus "Spiegelbild und schwarzer Spuk", dazu spielen mein Sohn und andere Musiker tiefernste Werke von Mauricio Kagels "Nachlass zu Lebzeiten".

Berliner Morgenpost: Warum sind Sie wieder unterwegs? Fehlt die Droge Applaus?

Alfred Brendel: Drogenabhängig war ich nie. Ich habe aber, abgesehen vom Klavierspielen, noch andere Dinge mitzuteilen und tue dies mit Vergnügen. Und glücklicherweise habe ich immer noch ein Publikum bei meinen Vorträgen, Seminaren und Lesungen.

Berliner Morgenpost: Sie werden einen Vortrag halten über "Das umgekehrt Erhabene", über den Humor in der Musik. Die klassische Konzertmusik ist nicht gerade für ihren brillanten Humor bekannt.

Alfred Brendel: Das ist es ja eben. Wie komisch manche Werke von Haydn oder Beethoven sind, ist vielen noch gar nicht aufgefallen.

Berliner Morgenpost: Vielleicht liegt es an den Musikern, den Interpreten, denen der Witz fehlt?

Alfred Brendel: Ich bin schon einigen witzigen Musikern begegnet, aber wenigen, die einen musikalischen Sinn für Humor haben.

Berliner Morgenpost: Was ist eigentlich Ihr Lieblingshumor, Ihre Lieblingskomödie oder Ihr Lieblingskomiker?

Alfred Brendel: Ich liebe zum Beispiel Shakespeares Tragikomödien, Lichtenbergs Aphorismen, Chaplin, Nestroy, Daniil Charms, Ligetis "Aventures & Nouvelles aventures". Ein Satz von Max Ernst aus der Dadazeit: "Nach uraltem, ängstlich behütetem Klostergeheimnis lernen selbst Greise mühelos Klavier spielen."

Berliner Morgenpost: Was war die letzte groteske Situation, die Sie erlebt haben?

Alfred Brendel: Die jüngste groteske Situation? Als ich einem Streichquartett sagte "I love long notes", um zu unterstreichen, dass lange Notenwerte lebendig ausgespielt werden sollen, verstand das Publikum "I love wrong notes" - und lachte.

Berliner Morgenpost: Spielen Sie noch genau so viel Klavier wie in den harten Virtuosenzeiten? Können Sie heute entspannter mit Musik umgehen?

Alfred Brendel: Ich fand meine so genannten Virtuosenzeiten nie besonders hart. Selbst, wenn ich jetzt viel weniger spiele, gibt es andere Möglichkeiten, mit der Musik in Verbindung zu bleiben. Ich spiele jetzt zielgerichteter auf meine Vorträge hin. Und dann ist ja noch die Literatur da, meine zweite Existenz. Die Gedichte sind wirklich unverhofft gekommen - sie waren das schönste Geschenk meiner späteren Jahre.

Berliner Morgenpost: Ihr pianistisches Lebenswerk ist auf CD gut dokumentiert. Für welches Werk wollen Sie rückblickend gerne den Maßstab gesetzt haben?

Alfred Brendel: Meine Aufnahmen der Diabelli-Variationen Beethovens, von denen ich in mehreren Aufnahmen verschiedene Lösungen anbieten konnte, oder manche Schubert-Sonaten wage ich zu verantworten. Ich kann im Nachhinein nicht sagen, ob ich Beethoven, Schubert oder Haydn am besten verstanden habe. Mozarts große F-Dur-Sonate, seine vielleicht schwierigste, habe ich bis zuletzt versucht, immer besser zu spielen. In der Aufnahme von meinem letzten Soloabend in Hannover im Dezember 2008 ist mir das geglückt. Ich kann für mich sagen, dass die Musik von Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert zum Bewegendsten und Beglückendsten in meinem Leben gehört. Jeder junge Pianist muss in seinem Werdegang vieles spielen, aber er muss sich immer auch fragen, welche Werke die höchste Qualität haben, um mit ihnen ein ganzes Leben zu verbringen.

Berliner Morgenpost: So lange ich mich erinnern kann, wird auf den rauen Musikbetrieb geschimpft. Demnach wird alles immer oberflächlicher, geschäftsmäßiger, schnelllebiger. Der Kulturpessimismus gehört irgendwie zum guten Ton. Wie sehen Sie das?

Alfred Brendel: Ich finde vieles in der Welt unerfreulich. Doch die Künste gehen weiter. Es gibt eine Evolution, wenn auch wohl keinen Fortschritt.

Berliner Morgenpost: In der Unterhaltungsbranche gehören auch noch andere Dingen zum Starkult: Wer und wie sind eigentlich die Groupies für Klavier-Virtuosen? Können Sie darüber reden?

Alfred Brendel: Ich habe mich nie als Opfer des Starkults empfunden. Es gibt ja nicht nur Hysterie und Exzess, sondern auch Wärme, Verehrung, Bewunderung.

Berliner Morgenpost: Sie sind Pianist im Ruhestand, Essayist, Vortragsreisender, schreiben skurril-groteske Gedicht-Bände. Was für Geheimnisse schlummern noch in Alfred Brendel und drängen bald ans Licht?

Alfred Brendel: Meine musikalische Tätigkeit ist noch längst nicht abgeschlossen, sie fließt ein in meine Arbeit mit Streichquartetten, Sängern, Pianisten. Und am liebsten wäre ich wohl ein großer Aphoristiker. Ich beobachte mich neugierig. Es ist wohl zu spät, den Lear oder Prospero zu spielen. Oder als Regisseur dem "Zauberflöten"-Sarastro eine rote Nase aufzusetzen. Warten wir ab.