Kunst

Picassos späte Rache

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Tim Ackermann

Der Alte hatte sich vergriffen. Und seine Kritiker reagierten je nach Stimmung belustigt oder empört. Man hielt das für einen schlechten Witz, was der Maler 1970 im Palais de Papes in Avignon ausstellte. Bilder, ungerahmt und scheinbar massenhaft produziert - in einem flüchtigen Duktus, den man böswillig als hingeschludert bezeichnen konnte.

Selbst Douglas Cooper, ein guter Freund und Biograf des Künstlers, konnte nicht anders, als diese Werke "das inkohärente Gesudel eines frenetischen Greises im Vorzimmer des Todes" zu nennen. War der Meister, Pablo Picasso verrückt geworden?

Die so angefeindeten Bilder, die der Spanier ab Anfang der Sechziger - und im Alter von 79 Jahren - zu malen begann, sind ihm zum Teil recht deftig geraten. Man sieht auf ihnen junge Frauenkörper mit großen Brüsten und entblößtem Geschlecht. Dazu verknitterte Männerfiguren mit Stielaugen, bei denen man nicht genau weiß, ob sie Maler vor einem Aktmodell sind oder schlicht Voyeure die glotzen. Das größte Künstlergenie des 20. Jahrhunderts schien sich in einen lüsternen, derben Pornografen verwandelt zu haben. 1980, bei der großen posthumen Retrospektive im renommierten Museum of Modern Art in New York, wurden die Bilder verschwiegen. Peinlich, dieser späte Picasso.

Der Akt war immer ein Thema

Die radikale Ablehnung hat sich dann doch schneller gelegt, als man anfangs dachte. Bereits 1981 machte der Kurator Norman Rosenthal vier späte Picassos zur Keimzelle seiner vielbeachteten Schau "A New Spirit in Painting" in der Londoner Royal Academy und stellte sie den jungen Malern der "Neuen Wilden" und der "Transavantgarde" gegenüber. Seitdem hat sich der späte Picasso immer wieder als museumstauglich erwiesen.

Und auch der Kunstsammler und Kunsthändler Heiner Bastian, der jetzt in seinen privaten Ausstellungsräumen in Berlin, vis-à-vis des Neuen Museums, ein Dutzend Gemälde des Malers ab 1960 zusammengebracht hat, mag die Geschichte vom alterslüsternen Malergreis nicht mehr hören. Der nackte Frauenkörper sei während Picassos gesamter Karriere Thema in seinen Bildern gewesen, sagt Bastian. Die wahre, die wirkliche Provokation des Spätwerks sieht der Sammler im formalen Bruch: "In seinen späten Bildern gibt er seinen kristallinen Stil auf. Er wendet sich von der präzisen Körperdarstellung ab", sagt er. "Picasso verwirft hier noch einmal alle Formen. Welcher andere Künstler wagt das in so einem hohen Alter?"

Wenn man ein Bild wie "Paar mit Vogel" von 1970 betrachtet, sieht man diese Lust, alles fortzuwerfen und noch einmal völlig frei zu experimentieren: Zum Andeuten ganzer Körperpartien reichen Picasso nur ein paar Striche, auf anatomische Korrektheit pfeift er, und beim Malen der Gesichtspartie des Mannes war die Farbe anscheinend so dünnflüssig, dass sie in kleinen Blumenkohlformen ausgefranst ist. Sie hat sich in die Leinwand hineingesogen.

In der Ausstellung "Picasso. Die Zeit nach Guernica " in der Neuen Nationalgalerie hatte Bastian 1993 schon einmal Bilder aus dem Spätwerk gezeigt. "Damals stand es aber nicht im Zentrum", sagt er. Mit "Pablo Picasso: Die Freiheit der späten Werke" will er nun vor Augen führen, dass der flüchtige Duktus der Bilder nichts mit der beliebten Vorstellung zu tun hat, dass Picasso gegen die Zeit und im Wettrennen mit dem Tod malte. Sondern, dass es die Entscheidung für eine Rückkehr zum Nullpunkt war. Und die Geburt eines jungen Malers.

Mit seiner Ausstellung passt Bastian zum Zeitgeist. Es gibt bei Picasso eine Renaissance des Spätwerks. Bereits 2005 zeigte der Sammler Frieder Burda - der sieben späte Picassos besitzt und jetzt drei davon nach Berlin ausgeliehen hat - einen Überblick zu dieser Phase. Vor zwei Jahren folgte dann der New Yorker Galerist Larry Gagosian mit einer umfangreichen Spätwerkschau. Das sei doch eher eine Verkaufsausstellung gewesen, findet Bastian. "In meiner Ausstellung ist dagegen kein Bild zu verkaufen", sagt er. "Wir hatten im Vorfeld versucht, eines von einem spanischen Sammler zu kaufen, aber es ist uns nicht gelungen."

Preise fürs Spätwerk steigen

Dass die Privatsammler, die nach Berlin ausgeliehen haben, ihre Werke nicht dauerhaft hergeben wollen, könnte auch mit den Marktpreisen zu tun haben. Seit fünf, sechs Jahren wird das Spätwerk des Malers vermehrt auf Auktionen gehandelt, vermutlich weil es aus dieser Phase viele Bilder gibt und noch viele verfügbar sind. Denn Picasso war in dieser Phase höchste produktiv, 1970 enstanden noch an die 200 Werke, heißt es. Picasso-Gemälde nach 1960 haben bei Versteigerungen bereits Preise von 17 Millionen Dollar erzielt und landen häufiger über der Zehn-Millionen-Marke. Bei Messen waren sie unlängst knapp darunter angeboten. Das ist noch immer weit entfernt von den 50, 80 oder 100 Millionen Dollar, die Picassos Bilder aus anderen, beliebteren Werkphasen bringen können. Aber wenn die neue Hausse am Markt voll durchschlägt, ist es nicht unwahrscheinlich, dass es auch das Spätwerk Picassos weiter nach oben zieht.