Andreas Scholl

Hoch und hell lockt die schöne Stimme

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Martina Helmig

"Vor einem Konzert in Santander hat mich mein Fahrer gefragt, ob ich theoretisch auch Kinder bekommen könnte", erzählt Andreas Scholl. "Ich habe tief durchgeatmet und ihm erklärt, dass ich eine zwölfjährige Tochter habe." Als Countertenor muss er seltsame Fragen beantworten.

Noch immer wird er mit allen gängigen Klischees über "Männer, die wie Frauen singen" konfrontiert. Auch auf der Website seines Fanclubs steht der ausdrückliche Hinweis darauf, dass Countertenöre keine Kastraten sind.

Ein bisschen ärgert er sich schon darüber, dass Countertenöre in der klassischen Musik als Paradiesvögel gelten, während es in der Popmusik vollkommen normal ist, wenn ein Mann im Falsett singt. "Die Akzeptanz ist aber schon größer und die Gesellschaft toleranter geworden. Alfred Deller hatte es in den sechziger Jahren viel schwerer", sagt er.

Die hohen Männerstimmen sind auch in der Klassik längst keine Seltenheit mehr. Mit dem Aufstieg der historischen Aufführungspraxis hat sich der Bedarf an Countertenören entwickelt. Seit mindestens zehn Jahren gibt es einen regelrechten Boom in der seltenen Stimmlage. Andreas Scholl zählt schon seit 1993 zu den Stars seines Fachs.

Auf seiner aktuellen CD "O Solitude" hat er sich dem englischen Barockmeister Henry Purcell gewidmet. "Seine Musik begleitet mich schon so lange. Purcells Stücke gehören für Countertenöre zum Butter- und Brotrepertoire", erzählt Andreas Scholl und schwärmt von "Music For A While" mit dem hypnotischen Bass, der die Macht der Musik so unmittelbar erfahrbar macht.

"Es ist ohne Zweifel einer der großartigsten Songs, die je geschrieben wurden", sagt er. Das gilt natürlich auch für den berühmten "Cold Song" aus "King Arthur": "Gnadenlos zieht Purcell das Konzept des vor Kälte Stammelnden durch." Andreas Scholl hat seine Version des Songs dem Pop-Performance-Künstler Klaus Nomi gewidmet, der den "Cold Song" populär gemacht hat und als einer der ersten Künstler an Aids gestorben ist. Das Lied hat er auch beim Benefizkonzert in der Deutschen Oper Berlin vorgetragen, auch in München hat er sich schon für die Aids-Hilfe eingesetzt. In seiner Jugend war Aids ein prägendes Thema. "Als ich mit 20 Jahren meine erste Beziehung einging, hatten wir richtig Angst vor Aids. Dabei waren meine Freundin und ich mit dem Hintergrund einer streng katholischen Erziehung völlig brave junge Menschen", erklärt der Countertenor. "Heute dagegen herrscht eine erschreckende Gleichgültigkeit dem Thema Aids gegenüber. Dabei gibt es überhaupt keinen Grund zur Entwarnung."

Sein gesamtes Purcell-Programm präsentiert der Sänger im Februar in Berlin. Er fühlt sich der englischen Countertenor-Tradition besonders verbunden, die sich aus dem Bereich der Kirchenmusik entwickelt hat. Seit seinem siebten Lebensjahr sang Andreas Scholl Alte Musik im Kirchenchor bei den Kiedricher Chorknaben. Nach dem Stimmbruch blieb seine helle Stimme erhalten. Eigentlich wollte er gern Priester werden oder als Bundesgrenzschützer zur GSG 9 gehen. Als ihm mit siebzehn klar wurde, dass er die besondere Veranlagung zum Countertenor hatte, entschloss er sich zur Sängerlaufbahn. Nach wie vor interessiert er sich sehr für Theologie, hat viel über frühchristliche Geschichte, apokryphe und gnostische Evangelien gelesen. Auch die Arbeit des Bundesgrenzschutzes verfolgt er noch immer. "Da muss man nicht nur körperlich fit sein, sondern auch Nervenstärke beweisen, unter extremem Stress die Kontrolle behalten. Das geht mir als Sänger auch so. Ich trete auf die Bühne vor das Publikum, und es ist eigentlich zum Weglaufen. Aber ich darf nicht in Panik geraten." Körperliche Fitness ist für den 43-Jährigen in den letzten Jahren viel wichtiger geworden. "Dieselbe Leistung wie vor zehn Jahren kann ich nur erbringen, wenn ich dem Körper mit Sport unterstütze."

An der renommierten Schola Cantorum Basiliensis, an der er bei Richard Levitt und René Jacobs studiert hat, unterrichtet er inzwischen selbst. Seit seiner Jugendzeit komponiert er Popsongs. Er arbeitet mit der Band "Orlando und die Unerlösten" zusammen. Zuhause in Basel hat er sich ein eigenes Tonstudio eingerichtet. Den größten Teil seiner Zeit verbringt er aber mit Konzerten. Nur hin und wieder ist er in einer Händel-Oper zu erleben. Er ist einfach nicht gern für mehrere Monate in einer fremden Stadt. Im Herbst 2011 singt er wieder in Händels "Rodelinda" an der Metropolitan Opera in New York, und schon jetzt plant er die Besuche seiner Tochter und Ex-Frau. "Ich finde es spannend, in der Oper einen anderen Menschen zu spielen", findet er. "Aber das Vagabundenleben ist schon anstrengend."

Henry-Purcell-Programm am 22. Februar im Konzerthaus.