Konzert

Gehirn trifft auf Gefühl

Er hatte wieder einmal sein Gehirn dabei: mithilfe eines kleinen anatomischen Musterexemplars, das er im unvermeidlichen Arztkoffer mitbrachte, demonstrierte Dr. med. Eckart von Hirschhausen in der Deutschen Oper, wie die Produktion und Wahrnehmung von Musik neurologisch gesteuert wird.

Man erfuhr Interessantes über pränatale Prägungen, dass der Mensch zum Beispiel schon vor der Geburt den Rhythmus seiner Muttersprache erlernt und bereits Dreiklänge erkennt, und man erfuhr weniger Interessantes über postmortale Verhältnisse - als nämlich Donald Runnicles "Tod und Verklärung" von Richard Strauss dirigierte. Zweifellos ein schönes Stück, ein zu schönes Stück, das den Tod unter rauschenden Jugendstilgirlanden beerdigt. Außerdem ist dieser Komponist nicht besonders gut geeignet als Demonstrationsobjekt witzig servierter Populärwissenschaft. Das Kurzweilige und das Kantable, Gehirn und Gefühl wollten keinen rechten Bund schließen.

Hirschhausen berichtete, wie er als Student auf das Thema gestoßen ist. Er fragte sich damals, warum einige Leute ständig krank werden und andere überhaupt nicht ("obwohl auch sie es verdient hätten") - die Antwort lautete: Musik, Harmonie, Glückshormone. Was es sogleich zu beweisen galt. Die Besucher wurden gebeten, auf einer Skala von 1 bis 10, von rabenschwarz bis rosarot, ihre jeweilige Gefühlslage zu bewerten. Nach Mozarts Jupiter-Symphonie wurde der Test wiederholt, und erstaunlich viele Hörer behaupteten, sich nun besser zu fühlen. Dem Applaus war freilich zu entnehmen, dass Runnicles Interpretation ohne jede Kontur und Dynamik nicht nur Zustimmung fand.

Für die Euphorie war an diesem Abend Anja Harteros zuständig. Die aus der Nähe Kölns stammende Bayerische Kammersängerin mit griechischem Vater hatte noch gar nicht den Mund geöffnet, da gehörte ihr bereits der gesamte Saal. Anja Harteros besitzt nicht nur eine phänomenale Sopranstimme, machtvoll und anrührend, sie verkörpert auch den Zauber des klassischen Gesanges mit seltener Intensität. Diese Einheit von Person und Gesang ist wohl ihr Geheimnis. In der "Arabella"-Schlussszene des 1. Aktes und der Schlussszene der Gräfin aus "Capriccio" (ein Rollendebüt!) rührte Anja Harteros an jene Schicht des Archaischen, die es auch Hirschhausen angetan hat. Weil daher in Sachen Musik die wesentlichen Präformationen stammen: im Mutterleib bereits wird der Mensch mit jenem Code ausgestattet, der ihm später die Decodierung musikalischer Strukturen erlaubt; welche Art von Musik jedoch einer liebt, das entscheidet sich erst nach der Geburt und kann bis zum 25. Lebensjahr dauern. Sowohl die pränatale Codierung wie die spätere Geschmacksbildung sind soziale Phänomene, und sie gelten für die unterschiedlichsten Kulturen. Hirschhausen zeigte dies am Beispiel der Papua-Indianer und singender Fans von Borussia Dortmund: die Unterschiede seien entwicklungsgeschichtlich marginal. Das brachte Lacher und war obendrein wahr.

Nur bewegten sich diese Ausführungen, trotz aller thematischen Nähe, leider nicht auf der gleichen Ebene wie Frau Harteros' Gesang. Das bei Strauss überzeugender agierende Orchester trug ein Übriges dazu bei, die Aura der Musik vom Wissenschafts-Kabarett abzugrenzen. Dass dieses moderierte Konzert letztlich nicht funktionierte, lag zum Teil in der Natur der verhandelten Sache. Es fällt dem Menschen schwer, von der linken auf die rechte Gehirnhälfte umzuschalten, also abstrakte Inhalte mit musischen kurzzuschließen. Wer sich schon mal in der Oper von Librettotexten belästigt fühlte, kennt das Problem. Im komödiantischen Bereich mag es noch gut gehen, doch sobald tiefere emotionale Schichten betroffen sind, werden diskursive Elemente als Störfaktoren wahrgenommen. Eckart von Hirschhausen weiß, dass diese Sphären nie zusammen finden können. Schön, dass er es trotzdem versuchte. Denn jetzt haben wir es auch endlich begriffen.