Fernsehen

Liebesgeschichte im Luftschiff

Man verrät nicht zu viel, wenn man sagt, dass das Luftschiff Hindenburg am Ende in Flammen aufgeht und abstürzt kurz vor der Landung in Lakehurst bei New York. So war das am 6. Mai 1937. 36 Menschen fanden den Tod.

Das Unglück bedeutete das Ende der Verkehrsluftschifffahrt und brannte sich als eine der großen Technik-Katastrophen des 20. Jahrhunderts ins Gedächtnis ein. Historische Fakten sind in der historischen Fiktion nicht zwangsläufig Spannungskiller.

Das weiß man spätestens seit James Camerons hinreißendem Schmachtfetzen über den Untergang der Titanic. Auch die Vorbereitungen des Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944 sind mehrfach so spannend verfilmt worden, dass man als Zuschauer mit den Verschwörern um den Grafen Stauffenberg fiebert, obwohl man weiß, wie böse die Sache endet. Funktioniert das auch bei dem dreistündigen "Event-Zweiteiler" über die letzte Fahrt der Hindenburg?

Man darf auch verraten, dass sich an Bord der Film-Hindenburg eine Zeitbombe befindet, deren Zünder so eingestellt ist, dass er das Dynamit eigentlich nach der geplanten Landung zur Explosion bringen soll. Wegen eines Unwetters hat das Luftschiff jedoch Verspätung. Während man einerseits versucht, die Bombe zu finden und zu entschärfen, überlegt man gleichzeitig, wie man die Landung so beschleunigen könnte, dass man der Bombe zuvorkommt. "Mit voller Geschwindigkeit auf den Landemast zu und dann scharf wenden", sagt der Kapitän. "Ob das der Rahmen des Schiffs aushält? Dafür ist er nicht ausgelegt", wirft der Luftschiff-Konstrukteur ein. Diese Sätze könnten auch einem Dialog zwischen Drehbuchautor und Produzent des Films entnommen sein. Was hält der Rahmen aus? Das ist tatsächlich die entscheidende Frage. Wie viel fiktionales Fleisch findet am Gerippe der historischen Fakten Halt? Bleibt diese Kreatur noch manövrierfähig, wenn man die Grenzen der Tragfähigkeit austestet?

Prestigeprojekt für 10 Millionen

Für RTL ist "Hindenburg" ein Prestigeprojekt. Bei einem Produktionsetat von mehr als zehn Millionen Euro haben es der Sender und die Produktionsfirma Teamworx an nichts fehlen lassen - nicht an aufwendigen Studiobauten, nicht an digitalen Effekten, nicht an klangvollen Namen auf der internationalen Besetzungsliste. Vor allem aber scheinen sie die beiden Drehbuchautoren Johannes W. Betz und Martin Pristl dazu verpflichtet zu haben, einen Kolportage-Rekord aufzustellen, an den im deutschen Fernsehen so schnell keiner herankommen wird. Ihre Geschichte ist so abstrus und überladen, dass man sie sich allenfalls als Satire auf das Genre des Katastrophenfilms vorstellen kann. Im Hintergrund ist immer der Ehrgeiz spürbar, den Geist eines Zeitalters einzufangen und Aufklärung zu betreiben. Dadurch wird "Hindenburg" nahezu ungenießbar.

Im Kern folgt der Film dem "Titanic"-Muster: Liebesgeschichte über soziale Schranken hinweg vor Katastrophenhintergrund. Deswegen muss Maximilian Simonischek, der den Ingenieur Merten Kröger spielt, immer den Vergleich mit Leonardo DiCaprio aushalten. Und Lauren Lee Smith, seine Geliebte Jennifer, Tochter eines amerikanischen Ölmagnaten, den mit Kate Winslet. Vor allem Simonischek schlägt sich wacker. Gleich am Anfang besiegt er im Zweikampf Jennifers unsympathischen Verlobten. Zum Liebesdrama tritt also die Bombenverschwörung, ein Teufelspakt, den der vor dem Bankrott stehende amerikanische Ölunternehmer Edward van Zandt (Stacy Keach) mit den Nazis geschlossen hat. Van Zandt will Helium an die Deutschen verkaufen, wozu allerdings erst das Handelsembargo der Amerikaner gegen das Deutsche Reich fallen müsste.

Nazis, Helium und Schäferhund

Das ist längst nicht alles. Es geht nämlich gar nicht um das Helium, sondern um Tetraethylen, einen Zusatz für Flugzeugtreibstoff, den die Nazis für ihre Kriegspläne brauchen. Geheimpapiere dazu befinden sich auch im Luftschiff und sollen den Amerikanern zugespielt werden. Doch auch damit nicht genug. Unterwegs nach Amerika ist auch eine jüdische Familie. Das Ehepaar Kern steckt in einer tiefen Krise. Ein Varieté-Künstler (Hannes Jaenicke) schließlich, der alles weiß, ist dauernd damit beschäftigt, Lebenslügen aufzudecken. Nachdem die Hindenburg in Flammen aufgegangen ist, gibt es auch noch einen Krimi. Aber davon sei nichts verraten.