Schaubühne

Antigone gerät in die Fänge einer Männer-Therapie

In Theben hängt der Haussegen schief. Und weil das Orakel vermutlich gerade keine Termine frei hatte, tut's auch ein Therapeut, der im Nebenberuf noch Bandleader ist.

Um Peter Thiessen, Sänger der Hamburger Pop-Lyriker "Kante", gruppiert sich die ganze verkorkste Familie erst mal als psychosystemische Aufstellung und säuselt: "Komm du mal vor, du bist jetzt der Ödipus. Und du die Pest. Nimm es an." Ziel ist, natürlich, die große Seelenreinigung, frei nach des Gurus Motto: "Was weh getan hat, wird erinnert." Es sei dies, spricht der Therapeut mit Blick ins Parkett, eine von Zuschauern begleitete Sitzung, damit diese auch was lernen.

Los geht's erst mal mit etwas mythologischer Nachhilfe, der moderne Mensch kennt sich da ja nicht mehr so aus: In einer knappen Viertelstunde jagt das siebenköpfige Männer-Therapie-Kollektiv improvisiert durch die katastrophengeschwängerte familiäre Vorgeschichte, um dann bei jenem Kern der Sache zu landen, der auch Sophokles in seiner "Antigone"-Tragödie interessierte: Die Söhne des Ödipus, Eteokles und Polyneikes erschlugen einander im Streit um die Macht. Der eine, so ordnet es der neue Herrscher, ihr Onkel Kreon, an, soll anständig begraben werden, der andere, weil er zum Sturm gegen die Stadt rief, nicht.

Die Band sitzt auf der Bühne

Ihre Schwester Antigone aber widersetzt sich den Anweisungen und begräbt eigenhändig den zweiten Bruder. Sie lässt dafür ihr Leben, was weitere Unglückseligkeiten nach sich zieht und die immer alte Frage aufwirft: Staat oder Individuum, wessen Recht wiegt schwerer und wem gilt es sich zu beugen, der Macht oder dem eigenen Gewissen? Regisseurin Friederike Heller leitet für ihre Schaubühnen-"Antigone" diese Fragen aus der therapeutischen Rahmenhandlung ab, die auch später immer wieder eingeblendet wird, als die Bandmitglieder längst hinter ihren Instrumenten sitzen und, ganz nach antiker Art, mit Christoph Gawenda und Tilman Strauß nur noch zwei Männer alle anfallenden Rollen spielen, unterstützt durch eine Anzeigetafel, die vermerkt, welche Figur gerade im Spiel ist. Es soll dieser Psycho-Rahmen wohl dienen als Zeitmaschine, um den 2000 Jahre alten Stoff in die Lebensrealität zu beamen. Das Problem ist, dass diese Verfremdung keine weiter führende Erkenntnis zutage bringt, außer, dass die jammerlappige Männerselbsthilfegruppe von dieser Antigone noch ordentlich lernen kann. An anderer Stelle dagegen klappt das mit der Dolmetscherei ganz hervorragend: Die Regisseurin hat sich nämlich für die Hölderlinsche Übersetzung des Stoffs entschieden und dessen hoher Ton erfreut sich über die musikalische Umsetzung der Band "Kante" allerschönster Revitalisierung. Über die ganze Bühnenbreite sitzen die fünf Musiker, mit denen Friederike Heller schon bei ihrer letzten Schaubühnen-Inszenierung zusammenarbeitete. Sophokles "Chor thebanischer Greise" wunderbar verjüngt.

Christoph Gawenda und Tilman Strauß wüten sich durch das Drama, ganz allein, nur einmal unterstützt von einem schielenden Handpuppenopossum. Ansonsten ist viel Glitter; was dort charmant ist, wo Christoph Gawenda in der Doppelrolle als Antigone und ihr Bruder sich quasi selbst beerdigt. Das ist alles hübsch und mündet in einem lichtspektakeligen Finale, doch der eigentliche tragische Konflikt findet kaum statt.

Schaubühne am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 153. Heute, 20 Uhr. Tel. 890 023.