Musikunterricht

Ein Instrument lernen - keine Frage des Alters

Keine blasse Ahnung von Noten? Noch nie ein Instrument gespielt, aber diesen Traum trotz des Alters von 50 oder 60 Jahren noch nicht aufgegeben? Geht das überhaupt noch, im reifen Alter ein Instrument zu lernen?

Aber ja, lautet die übereinstimmende und ermutigende Antwort von Musikpädagogen und Forschern. Die Bedingungen sind nur ein Instrument und die Möglichkeit zum Üben...

Serena K. unterrichtet Schüler zwischen sechs und 90 Jahren im Klavierspiel. "Es geht bei mir immer gleich mit einem richtigen Stück los, wie mit einem Menuett", sagt die Diplom-Musikpädagogin. Zunächst beginnt sie jedoch mit Fingerübungen, testet die Handhaltung und erkundet die Fingerkraft ihres erwachsenen Schülers. "Diese nimmt übrigens im Alter nicht ab", sagt sie. Außerdem erfragt Serena K. den Musikgeschmack und die Ziele ihrer Schüler. So wollte ein 65-jähriger Klavierneuling unbedingt das überaus populäre "Für Elise" von Beethoven lernen. Heute ist er 76 Jahre alt, spielt mit Freude Piano und machte auch nach einem Schlaganfall weiter. "Als er aufhören wollte, habe ich zu ihm gesagt, gerade jetzt müsse er weiterspielen", sagt die Lehrerin, die Erwachsenen mindestens 30 Minuten tägliches Üben empfiehlt. "Für Elise" spielte der Mann übrigens bereits nach sechs Monaten.

Bundesweit beträgt der Anteil der erwachsenen Schüler an Musikschulen etwa zehn Prozent. Laut Verband Deutscher Musikschulen (VdM) wenden sich insbesondere ältere Erwachsene dem aktiven Musizieren unter kompetenter Anleitung zu. Darunter sind durch ihre Kinder motivierte Familienangehörige, ältere Neuanfänger, Wiedereinsteiger und Senioren. Insgesamt musizieren bundesweit 11 160 Schüler über 60 Jahren (1,17 Prozent der Gesamtschülerzahl). Vor zehn Jahren lag die Zahl der über 60-Jährigen noch bei 5298 (0,61 Prozent).

Angebote für den dritten Lebensabschnitt

Für den erwachsenen Einsteiger ohne Vorkenntnisse empfehlen sich als Instrumente vor allem Klavier, Trommel, Gitarre oder Blockflöte, sagt der Experte Prof. Wolfhagen Sobirey, der sich mit der Musik im dritten Lebensabschnitt befasst. "Beim Tasteninstrument sind die Töne bereits da und müssen nur noch gedrückt werden. Aber das Saxofon eignet sich ebenfalls für Anfänger, und auch auf der Blockflöte kann man schwierige Stücke spielen." Die Motive älterer Menschen bestünden vor allem darin, gemeinsam mit Gleichgesinnten zu spielen oder sich eine Sehnsucht zu erfüllen statt Virtuosität im Spiel zu erlangen. "Gute Lehrer gehen darauf ein", sagt Sobirey. Häufig gehe es dem Anfänger um das Erlernen einer bestimmten Melodie, die dann die Lehrkraft zur Verstärkung auch begleiten kann. Sehr wichtig sei die zeitnahe Korrektur durch den anwesenden Lehrer, denn nur so könne vermieden werden, dass sich erwachsene Einsteiger Fehler angewöhnten - in der Handhaltung, Körperhaltung oder auch beim Atmen. Darüber hinaus sind Motivation und die eigene Disziplin unerlässlich.

Doch auch ein Anfänger könne bereits anspruchsvolle Klavierstücke spielen, sagt Volker Ku., der eine Fernschule für Tasteninstrumente führt. Gerade der Anfänger ohne Vorkenntnisse überschätze jedoch häufig die Probleme. "Die größte Hemmschwelle ist der erste Schritt, ein vermeintliches Wagnis, das in Wirklichkeit keines ist", so Ku.. Es gebe kaum einen Grund, das Klavierspielen nicht zu erlernen, selbst in hohem Alter nicht. "Untersuchungen haben ergeben, dass Klavierlernen geistig fit hält." Beim Lernen komme es nicht auf große Schritte, sondern auf viele kleine und das eigene Lerntempo an. Ku., der früher eine private Musikschule geleitet hat und seit 40 Jahren unterrichtet, hat gute Erfahrungen mit älteren Einsteigern gemacht. Von den 260 Schülern ist der größte Teil zwischen 40 und 60 Jahre alt. "Ich betreue auch Schüler in den USA, in Finnland, Brüssel und Bagdad", sagt Ku., der seine Methode auf erwachsene Schüler zugeschnitten hat. Diese beginnen mit drei Tönen in der ersten Lektion - auch ohne Notenkenntnis. In der zweiten Lektion kommen zwei Noten dazu. Gelernt wird zu Hause mithilfe eines MP3-Players. Über Video und Skype kann die Haltung überprüft werden.

Die Hirnforschung belegt, dass das menschliche Gehirn bis zum Lebensende lernen kann. Dass Musizieren sogar gegen geistigen Abbau schützt, weisen Neuropsychologen der Universität Zürich nach. Sie bringen 70-jährigen Klavierspielen bei, die noch nie etwas mit Musik zu tun hatten. Beim Musizieren sind viele verschiedene Hirnareale aktiv, die motorische, akustische und Gedächtnisleistungen miteinander verbinden. Weitere Studien belegen, dass musizierende Probanden besser gegen Altersdemenz geschützt sind als durch Lesen oder Kreuzworträtsel lösen. Außerdem haben Forscher herausgefunden, dass sich bei Erwachsenen, die das erste Mal in ihrem Leben in die Klaviertastatur greifen, bereits nach zehn Minuten Übung die elektrischen Verbindungen im Gehirn verändern. So entsteht ein auf der Kopfhaut messbarer Zusammenschluss zwischen Bewegungs- und Hörarealen der Hirnoberfläche. Diese Verknüpfungen sind jedoch zunächst nicht von Dauer und festigen sich erst nach etwa fünf Wochen.

"Musizieren auf hohem Niveau gehört zu den schwierigsten menschlichen Leistungen", sagt Prof. Eckart Altenmüller, Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musiker-Medizin an der Musikhochschule Hannover. Gehörsinn, Motorik, Körperwahrnehmung und Hirnzentren, die Emotionen verarbeiten, werden gleichzeitig beansprucht, sagt der Neurologe und ausgebildete Flötist. Das bedeute, Musizieren habe sowohl eine physische als auch eine psychische Wirkung und erfüllt zusätzlich eine wichtige Ventilfunktion. Es steigere die Motivation und rege die Selbstbelohnungskräfte an, sagt Prof. Wolfhagen Sobirey. Voraussetzung ist, dass sich der erwachsene Anfänger nicht überfordert und die Freude am eigenen Spiel behält. Erwachsene haben es körperlich leichter als Kinder, das Klavierspiel zu erlernen, so Musikpädagogin K., psychisch dagegen schwerer, weil sie höhere Ansprüche an sich stellen oder Zweifel haben. Gibt es Einschränkungen in der Beweglichkeit oder Konzentrationsfähigkeit, können Lockerungsübungen oder Atemgymnastik helfen.

Bei einer Befragung gaben die Mitglieder von Seniorenorchestern folgende mentale Kompensationsstrategien an: Akzeptieren der Einschränkungen, sich nicht entmutigen lassen, Gelassenheit, Humor und Geduld. "Ältere Menschen genieren sich schneller und sind empfindlicher als jüngere", hat Sobirey festgestellt. Wenn zu hohe Erwartungen an die eigenen Fortschritte hinderlich seien, können gute Musikpädagogen und die musizierende Gruppe helfen. Sobirey: "Wie im Chor ziehen die anderen einen mit." In jedem Fall wirkt Musizieren positiv.