Fotokunst

Glück ist ein warmes Gewehr

Der moderne Mann ist im Grunde seines Herzens Jäger und dem Steinzeitalter treu geblieben. Das erstaunt nicht wirklich, da gibt es gewisse Analogien, die sich nicht verleugnen lassen. So jedenfalls sah es auch der Medienphilosoph Vilém Flusser, der den Akt des Fotografierens gleichsetzte und adelte mit dem auf die Pirsch gehen und Erlegen des Wildes unserer Vorfahren.

Attraktion auf der Kirmes

Schon klar, das Gewehr steht für Männlichkeit, Aggression, Töten, aber auch für den kreativen Akt. In unserem alltäglichen Sprachgebrauch ist das mit der Terminologie "Anvisieren", "Nachladen" oder dem "Shooting" eingegangen, schließlich hält man die Kamera in gewisser Weise wie ein Gewehr im Anschlag. Es war einer der großen Fotografen wie Henri Cartier-Bresson, der von sich sagte: "Meine große Leidenschaft ist es, Fotos zu schießen!" Und auch Susan Sontag schrieb: "Wie die Kamera eine Sublimierung des Gewehrs ist, so ist das Abfotografieren eines anderen ein sublimer Mord!" Tatsächlich ist die Affinität zum Gewehr und auch zum direkten Gebrauch in Künstler- und Dichterkreisen legendär: Hemingway erschoss sich, Werther auch, Kleist, Kurt Cobain und der US-Autor Hunter S. Thompson.

All diese "Shootingstars" hatte der französische Fotohistoriker Clément Chéroux gewiss nicht im Kopf, als er vor Jahren einen mit Fotos vollgestopften Schuhkarton auf einem Pariser Flohmarkt aufstöberte. Auf den Bildern sah er lauter elegant gekleidete Männer, die eine Pistole anlegten, zielten oder abdrückten. Lauter Selbstporträts mit Waffe. Der Kurator am Centre Pompidou in Paris kaufte die kuriose Box - und fing an zu recherchieren. Dass am Ende einmal eine Ausstellung namens "Shoot! Fotografie existenziell" herauskommen würde, die die Tageszeitung "Le Monde" zur originellsten im Jahr 2010 kürte, das ahnte er da noch nicht.

Das sogenannte Fotoschießen tauchte als kuriose Attraktion nach dem Ersten Weltkrieg auf Jahrmärkten auf. Der Schütze am Stand richtet das Gewehr auf die Zielscheibe, der Treffer löst die Kamera aus, die ihn porträtiert - teilweise mit Loch im Kopf. Ein Duell mit Bild: der Schütze verewigt sich, wie er sich "tötet". Die Zeit steht still in diesem Moment des Schusses, die Wahrnehmung des Schützen ist fokussiert. Ein Akt der Selbstschöpfung durch Selbstzerstörung. Chéroux nennt es den "symbolischen Suizid".

Er fand auch heraus, wo die Kirmes-Idee ihren psychologischen Ursprung hatte. "Die Soldaten kamen aus dem Krieg, hatten in all den Jahren von sich nie ein Porträt mit Waffe gemacht, dabei gehörte sie zu ihrem Kriegsalltag. Sie bedeutete Identität." Jeder Schütze wurde somit zum Dokumentaristen seines Ichs. Seit den Siebzigern sind diese Schießstände von allen Rummelplätzen verschwunden.

Die Ausstellung "Shoot", die Chéroux nun bei C/O Berlin kuratiert, spielt auf genau diese Dialektik von (Selbst)Zerstörung und künstlerischem Akt als Selbstbefreiung an. Zu sehen sind neben den historischen Fotoschuss-Bildern auch aktuelle Transformationen diverser Schusstechniken. Gerade die Surrealisten liebten das Schießen als Spiel mit dem Abgrund, Max Ernst und Man Ray richteten den Lauf gegen die eigene Person. Auch Paul Èluard, Federico Fellini, Francois Truffaut, Gilles Deleuze, Juliette Gréco, Brassai, Robert Frank kosteten den Taumel der fotografischen Selbstauflösung im "Kabinett der Berühmtheiten" aus. Wie auch Jean Cocteau, der sich filmreif im Trench und mit Hut präsentiert. Manche Künstlerfrauen reagierten dagegen mit einigem Unbehagen. Lee Miller schielt skeptisch auf Man Ray, und hält lieber ihre Kamera fest in der rechten Hand.

Ganz anders Niki de Saint Phalle, sie gibt in den Sechzigern mit einem Karabiner das Feuer frei, auf Gipsskulpturen, deren Oberfläche sie mit Farbbeuteln, Tomaten und Eiern gespickt hatte. Mit jedem wilden Schuss geht die Skulptur in Trümmer und beginnt durch den Aufprall der Kugeln zu "bluten". So verwandelt die exzentrische Künstlerin die Zerstörung dann in einen individuellen Schöpfungsakt: "Es war nicht nur erregend und sexy, sondern auch tragisch."

"Erregend, sexy, tragisch"

Im Entree der Schau hängt ein Bildnis von Jean-Paul Sartre mit Partnerin Simon de Beauvoir aus dem Jahr 1929. Sie hält die Pistole in der Hand - mit geschlossenen Augen! Er nimmt das Ziel in den Blick, lenkt ihren Arm - und guckt den Betrachter geradewegs ins Gesicht. Symbolischer könnte ein Porträt kaum sein, es sagt viel über das Selbstverständnis des schreibenden Tandems aus. Zugleich ist es ihr erstes "offizielles" Bild als Paar.

Über 500 Mal wird in der Ausstellung geschossen - prophezeit der Kurator. Es wird Zeit, die eigene Knarre an der nachgebauten Shooting-Ranche anzulegen.