Konzertkritik

Sir Simon dirigiert Mahlers Großwerk voller Klarheit

Gustav Mahlers Dritte Symphonie nimmt eine Sonderstellung in seinem sinfonischen Werk ein. Schon wegen ihres zeitlichen Ausmaßes, allein der Eröffnungssatz ist länger als die gesamte Fünfte Symphonie von Beethoven. Darüber hinaus scheint Mahlers Dritte von tieferer Bedeutung geradezu aufgedunsen.

Aber dies wohl noch nicht genug, denn Sir Simon Rattle hat ihrer Aufführung in der Philharmonie noch zwei Orchesterlieder vom Brahms und Hugo Wolf vorangestellt. Die beiden Komponisten prägten neben Mahler die Wiener Musikgeschicke des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Aber Brahms, gern der letzte Romantiker genannt, stand buchstäblich dem nach vorne strebenden Wolf gegenüber. Sopranistin Anke Herrmann sang das Wolfsche "Elfenlied" aus Shakespeares "Sommernachtstraum" und degenerierte es im vokalen Nebenbei geradezu zu einem musikalischen Albtraum. Das hatten zweifellos weder Wolf noch Sir Simon im Sinn.

Danach war das Feld frei für Gustav Mahlers sich geradezu überschlagende Mammutvisionen, alles klar, anrührend und einleuchtend dargelegt durch das Prachtorchester, in dessen Darstellung des Scherzando im 3. Satz aus weiter Ferne der großartige Tamás Velenczei solistisch sein Posthorn annähernd märchenhaft hineintönen ließ. Der voran gegangene zweite Satz hat eine eigene philharmonische Tradition, denn der wurde 1896 - also fünf Jahr vor Uraufführung der ganzen Symphonie - von Arthur Nickisch öffentlich vorgeführt. Jetzt ließ Chefdirigent Sir Simon bald aufrüttelnd, bald traumverloren Mahlers d-Moll-Sinfonie vorüberziehen, ohne ihr gelegentliches Imponiergehabe noch zusätzlich aufzublasen. Reichlich Zeit ließ er sich für das feierliche Misterioso Nietzsches "Oh Mensch! Gib Acht!", einer dezent daherflehenden Alt-Stimme anvertraut, die Nathalie Stutzmann mit delikater Andacht, in die Aufführung einbrachte.

Annähernd zwei pausenlose Stunden spielte sie sich unter Rattles konsequenten Anforderungen der Vollkommenheit entgegen, die zu erreichen den Damen des Rundfunkchors ebenso wenig Mühe machte wie den Knaben des Staats- und Domchores das fortgesetzte Zungengeläute mit ihrem immer wiederholten bezaubernd herzlichen Bimm-Bamm. Weltmusik, heraufmarschierend auf Kindesbeinen. Die versteht seit eh und je verlässlich zu rühren.

In seiner 3. Sinfonie hält Mahler sich noch an Effekten fest, auf die es ihm später durch stärkere Konzentration und festeres Wissen um das künstlerische Ziel zu verzichten gelang. Dennoch bleibt das Werk ein nicht abreißendes musikalisches Abenteuer, durchlebt, durchspielt, durchlitten von den Philharmonikern auf die einzig ihnen eigene Art. Das Publikum zeichnete sein Orchester und seinen Dirigenten mit einem Dankesjubel aus, wie einzig Mahler ihn in dieser Intensität hätte komponieren können.