Hellmuth Karasek

"Wie ich per S-Bahn aus dem Osten floh"

Briefe enthalten, neben Tagebüchern, die intimsten, persönlichsten und privatesten Äußerungen und Entäußerungen von Menschen, die sich schriftlich erklären. Natürlich haben Briefe im Unterschied zu Tagebüchern einen Adressaten, einen Ansprechpartner, während der Schreiber von Tagebüchern gleichsam in einen Spiegel blickt und mit sich selbst spricht, sich seiner selbst vergewissert.

Beide sind wegen ihrer Intimität geheim, ihr Inhalt wird vom Schreiber so gut wie möglich geschützt, sei es durch das Postgeheimnis, sei es dadurch, dass er Tagebücher sorgfältig wegschließt, eines Tages vernichtet - wie Thomas Mann seine Tagebücher der frühen Jahre im amerikanischen Exil -, oder indem er bestimmt, dass sie erst nach einer langen Sperrfrist, selbst über den Tod hinaus, zugänglich gemacht werden, weil er Angehörige und Betroffene schonen will, so wie es Max Frisch mit seinen Tagebüchern getan hat. Briefe werden von ihren Schreibern oft Jahre später zurückgefordert, damit sie wieder Kontrolle über ihre Intimität und Privatheit bekommen.

Der Brief als Pose

Briefe enthalten oft Wahrheiten, die nur für zwei bestimmt sind und die festhalten, was längst nicht mehr wahr sein muss. Tagebücher haben wohl mehr Wahrheit als Briefe, obwohl auch sie Posen, Verrenkungen und Selbsttäuschungen kennen. Man posiert auch vor dem Spiegel und möchte manchmal selbst beim Rasieren gut aussehen. Das Gleiche gilt für die Seele. Briefe schonen und schönen manchmal auch die Wahrheit. Einmal, weil der Schreiber besser dastehen möchte, als er ist, einmal, weil er gnädige Schleier über manche seiner Eigenschaften und Wünsche legen möchte. Indem sich Briefe äußern, verschweigen sie auch viel. Ein geradezu ergreifendes Beispiel dafür ist Heinrich Heines Brief an seine Mutter, als er todkrank in seiner Pariser "Matratzengruft" lag und seiner Mutter alles verschwieg, was auf seine Krankheit zum Tode hingedeutet hätte.

Ich möchte hier von einem Brief an meine Eltern berichten, der total verlogen war, der so tat, als sei er privat und intim, und sich doch heimlich nicht an meine Eltern, sondern an eine Öffentlichkeit wandte: den Staatsapparat der DDR. 1948 schrieb George Orwell seine Abrechnung mit dem totalitären Kommunismus unter dem Titel "1984". Dieser Dreher von 1948 auf 1984 wies in eine ferne Zukunft. In dem Buch kommt nicht nur der "Große Bruder" vor, der alles weiß und sich in die Hirne aller einschleicht, Orwell hat den genialen Charakter des "Doublespeak" erkannt, in dem Lüge zur Wahrheit und Wahrheit zur Lüge wird.

1952, unmittelbar nach dem Abitur, beschlossen einige Klassenkameraden und ich, unverzüglich in den Westen zu fliehen. Wir packten jeder einen Koffer mit dem Notwendigsten und wollten, falls wir von den DDR-Grenzern gefasst, "geschnappt" würden, vorschützen, wir seien auf dem Weg in die Ferien an der Ostsee. Der Weg von Bernburg an der Saale führte über Berlin, das damals noch keine Mauer hatte, um das aber Bürger, die nicht dort wohnten, herumgeleitet wurden, es sei denn, sie hatten plausible Gründe, etwas in Berlin erledigen zu müssen. Besuche von Verwandten und Freunden zum Beispiel, vor allem aber Geschäftskontakte mit den DDR-Behörden. Wir stiegen also in Potsdam in die Berliner S-Bahn um und fuhren Richtung Bahnhof Zoo. Am Bahnhof Friedrichstraße wurde per Lautsprecher ausgerufen, alle Bürger der DDR hätten aus dem Zug auszusteigen, weil der "den demokratischen Sektor" verlasse. (Auch so ein Beispiel für "Doublespeak". Die Steigerung von "demokratisch" war "volksdemokratisch".) "Republikflucht" war schon damals strafbar und hatte für den Erwischten die Konsequenz, dass er eingesperrt und auf die Dauer sozial vernichtet wurde. Für Angehörige galt Ähnliches. Mein Vater war zu der Zeit leitender Angestellter in einem volkseigenen Holzbetrieb. Natürlich habe ich mit meinen Eltern meine Flucht genau besprochen, von meinem Vater Adressen seiner Freunde im Westen bekommen, mein Vater und meine Mutter haben mich sogar noch in Westberlin besucht, was sie konnten, da mein Vater oft geschäftlich im Auftrag seiner Firma nach Berlin reisen musste und dadurch auch nach Westberlin fahren konnte. Damals, auf dem Höhepunkt einer Fluchtwelle, nutzten täglich tausende DDR-Bürger diesen Fluchtweg. Kaum im Westen, schrieb ich meinen Eltern einen Brief, der etwa so ging:

"Liebe Eltern, leider muss ich Euch durch diesen Brief großen Kummer und große Sorgen bereiten. Ich bin mit meinen Freunden nicht, wie wir Euch erzählt haben, in die Ferien zum Zelten an die Ostsee gefahren, sondern habe in Berlin die Gelegenheit benutzt, mich nach Westberlin abzusetzen. Es tut mir sehr leid, dass ich Euch diese unangenehme Überraschung bereite. Ihr werdet verstehen, dass ich sie nicht mit Euch absprechen konnte und wollte. Ich weiß, dass ich in Euren Augen einen schweren und groben Fehler begangen habe, und bitte Euch nochmals um Verzeihung für die Täuschung, die ich an Euch verübt habe.

Euer Sohn Hellmuth"

Dieser Brief war nicht etwa (oder nicht etwa nur) für die heimliche Postzensur bestimmt, die es in der DDR damals sicher gegeben hat. Er sollte meinen Eltern auch einen "Persilschein" (so hießen falsche Zeugnisse über die eigene Tätigkeit, das eigene Denken in der Nazivergangenheit) für die Öffentlichkeit ausstellen, den sie vorzeigen konnten: Seht, wir sind an unserem missratenen Sohn unschuldig, wir haben mit seinem Verbrechen nichts zu tun.

Der Brief als Lüge

In der Tat hat mir nach meinem ersten Bernburger Besuch nach der Wende ein ehemaliger Mitarbeiter meines Vaters bestätigt, dass dieser (der ihm einen Studienplatz in Dresden durch ein Gutachten vermittelt hatte und dem dieser Mann dankbar war) meinen Brief an das Schwarze Brett der Firma geheftet hatte, mit einer Erklärung, wie leid ihm der Fehltritt und Fehlschritt seines Sohnes tue. Wahrheit und Liebe in Zeiten des Kalten Krieges, kann man da nur sagen. Lüge als Fratze der Wahrheit. Meinen Eltern hat diese Camouflage nicht wirklich etwas genützt. Mein Vater war im Betrieb von da an von Misstrauen umgeben. Die Familie ist mir durch eigene Flucht ein paar Jahre später in den Westen gefolgt. Und dadurch, dass sie sehr spät als Flüchtlinge im Wirtschaftswunderland ankamen, nun von politischen Turbulenzen in wirtschaftliche Schwierigkeiten gekommen. Doch Ende gut, alles gut. Ich selbst habe im Westen gelernt, der damals der "Goldene Westen" hieß, dass nicht alles Gold ist, was glänzt, doch ich hatte niemals mehr Angst, bei Nacht und Nebel ohne Grund verhaftet zu werden. Briefe in " Doublespeak" habe ich bestenfalls an eventuelle Freundinnen geschrieben, politisch musste ich nun nicht mehr lügen. 1984 war für mich seit 1952 auch postalisch vorbei. Nach Diktat verreist, nach Diktatur verreist.

Hellmuth Karasek : Briefe bewegen die Welt, Bd 2, Teneues Verlag, 144 Seiten, 19,90 Euro