Interview mit Richard Gere

"Du musst das Gehirn anstrengen. Das hält jung"

| Lesedauer: 7 Minuten

Auf dem Filmfestival in Rom ist er gerade gefeiert worden. Dort hat Richard Gere seinen neuen Film "Hachiko" vorgestellt, der bei uns am 12. November ins Kino kommt. Darin geht es um des Menschen treuesten Freund, den Hund. Richard Gere hat als Kind auch so einen gehabt.

Mit dem Hollywoodstar sprach Peter Beddies.

Berliner Morgenpost: Mr. Gere, ich würde gern mal n i c h t über Buddhismus mit Ihnen sprechen.

Richard Gere: Vollkommen einverstanden. Gerade eben habe ich einem Journalisten, einem guten Freund, eine halbstündige Lektion über Buddhismus verabreicht. Das genügt für den Augenblick.

Berliner Morgenpost: Ein Journalist als Freund eines Stars. Das gibt es nicht oft, oder?

Richard Gere: Stimmt. Aber mir ist egal, welchen Beruf der Mensch hat, dem ich vertraue. Ich habe Freunde, die Schauspieler sind, und Freunde, die mit meinem Beruf nichts zu tun haben.

Berliner Morgenpost: Auch welche aus Kindertagen?

Richard Gere: Nein, seltsamerweise nicht. Erst später, als ich um die 20 war, traten Leute in mein Leben, die mich noch heute begleiten. In der Kindheit waren meine Geschwister für mich sehr wichtig; ich habe ja drei Schwestern und einen Bruder.

Berliner Morgenpost: War bei fünf Kindern im Hause Gere noch Platz für ein Haustier?

Richard Gere: Ja. Es passt wunderbar zu diesem Film, aber die besten Drehbücher schreibt eben das Leben. Wir hatten einen Hund namens Chipper. Wenn ich daran zurückdenke, sehe ich uns beide als Welpen. Ihn und mich. Das war eine schöne Zeit. Wissen Sie, was fantastisch war?

Berliner Morgenpost: Dass er Ihr bester Freund war?

Richard Gere: Hm, auch. Aber ich meine etwas anderes. Chipper wusste immer genau, in welcher Stimmung ich war. Ich musste nichts erklären. Das war ein wenig so, als würde man in einen Spiegel schauen. Er wusste zwar nicht, warum ich traurig oder fröhlich war. Aber er übernahm sofort diese Stimmung.

Berliner Morgenpost: Gab es jetzt, bei den Dreharbeiten, wieder ein gegenseitiges Verstehen?

Richard Gere: Oh, gar nicht! Erstens bin ich schon etwas in die Jahre gekommen. Und Hunde sind wohl nur bei Kindern so offen. Außerdem haben wir mit Akita-Hunden gedreht. Was für stolze Tiere! Als ich die Rolle annahm, war mir klar: Der Hauptdarsteller ist der Hund, nicht ich.

Berliner Morgenpost: Ist das nicht ein wenig frustrierend?

Richard Gere: Nun könnte ich Ihnen damit kommen, dass dies eine perfekte Übung in Geduld und Demut ist. Aber da wären wir schon wieder dicht am Thema Buddhismus dran. Dieser Film soll vor allem eines sein: eine Hommage an unsere Hunde, die wir als Kinder so geliebt haben. Aber ich mache es ein wenig konkreter. Es gibt eine Szene, in dem sich der Hund seltsam aufführt.

Berliner Morgenpost: Das ist Ihr letzter Tag im Film, weil Sie den Filmtod sterben.

Richard Gere: Genau. Und der Hund kommt immer wieder zur selben Zeit zum Bahnhof, um mich abzuholen. Er merkt schon am letzten gemeinsamen Morgen, dass etwas nicht stimmt. Aber wie zeigt man das? Wir wollten keine Disney-Version.

Berliner Morgenpost: Heißt was genau?

Richard Gere: Es sollte nicht mit Tricks gearbeitet werden. Kennen Sie diese Kinderschauspieler, denen man zu oft gesagt hat, sie möchten lächeln? Das ergibt eine grauenhafte Künstlichkeit. So eine Glätte wollten wir nicht. Darum machten wir Folgendes: Ich habe dem Hund immer wieder zugeredet, er solle zu mir kommen. Und hinter der Kamera stand der Tiertrainer und hat ihm zugerufen, dass er nicht gehen soll.

Berliner Morgenpost: Hat Ihnen das nicht weh getan?

Richard Gere: Was glauben Sie, wie oft dieser Hund am Ende dieser zwei Tage, denn so lange brauchten wir für die Szene, gestreichelt wurde? Ich habe ihm gesagt, dass es mir Leid tut, aber dass wir das tun mussten. Ich denke nicht, dass er das verstanden hat. Aber ich musste ihm das sagen.

Berliner Morgenpost: Hatten Sie eigentlich auch Ihren Sohn im Hinterkopf, als Sie die Rolle angenommen hatten?

Richard Gere: Ich hatte nicht nach einem Film wie diesem gesucht. Aber das Drehbuch rührte mich zu Tränen. Und irgendwo tief in mir gab es dann auch den Wunsch, dass es doch schön wäre, wenn er mal etwas von mir sehen könnte.

Berliner Morgenpost: Wie alt ist er jetzt?

Richard Gere: Homer ist neun und hat sich meine Filme noch nicht ansehen können. Ab und an mal ein Ausschnitt, mehr nicht. Das hier, schon komisch, wenn man darüber nachdenkt, ist mein erster Familienfilm. Hätte er jedenfalls werden sollen. Aber wenn ich "Hachiko" heute anschaue, ist es doch wieder ein Film für Erwachsene, die sich daran erinnern, wie sie als Kinder waren.

Berliner Morgenpost: Wieso das? Das Sterben gehört doch zum Leben dazu.

Richard Gere: Um einen Film wie "Hachiko" verarbeiten zu können, sollte man schon zehn oder zwölf sein. Wenn Kinder kleiner sind, haben sie noch nicht diese Werkzeuge, um mit so großen Emotionen umzugehen. Und man muss sie auch nicht so früh damit konfrontieren.

Berliner Morgenpost: Das heißt, Sie reden mit Homer noch nicht über den Tod?

Richard Gere: Doch, das kommt vor. Aber ich habe Ideen, die ich lieber später mit ihm besprechen will. Etwa wie der Schriftsteller Carlos Castaneda beschreibt, dass wir nur zu langsam sind, um mitzubekommen, wie allgegenwärtig der Tod ist. Könnten wir uns blitzartig umdrehen, könnten wir uns selbst sehen, wie wir altern. Versuchen Sie das mal einem Neunjährigen zu erklären! Damit lasse ich mir lieber noch Zeit.

Berliner Morgenpost: Apropos Zeit. Sie sind vor wenigen Wochen 60 geworden.

Richard Gere: Ja und?

Berliner Morgenpost: Keine Schwierigkeiten damit?

Richard Gere: Danke der Nachfrage. Hin und wieder zwickt es in den Knien. Das Augenlicht lässt immer mehr nach. Und der Bauch wächst auch, wenn man nicht aufpasst. Aber sonst...

Berliner Morgenpost: Ich meinte eher diese runde Zahl.

Richard Gere: Ich habe kein Problem damit. Und solange meine Frau mich so mag, wie ich bin, ist doch alles wunderbar. Die Wissenschaft hat vor nicht langer Zeit etwas Neues entdeckt. Es heißt Neuronale Plastizität. Warum gucken Sie so angewidert?

Berliner Morgenpost: Ich vermute, dass jetzt irgendwas Schlimmes mit Operationen kommt.

Richard Gere: Völlig falsch. Ich spreche über den Geist, über unser Gehirn. Man hat uns immer wieder erzählt, dass unsere Nervenzellen sterben, sobald wir auf der Welt sind. Völliger Quatsch. Die Wissenschaft hat herausgefunden, dass die Synapsen sich immer wieder verändern.

Berliner Morgenpost: Aber sicher nicht einfach so.

Richard Gere: So ist es! Man muss schon etwas dafür tun. Das Gehirn anstrengen. Jeden Tag etwas im Kopf rechnen. Und viel lesen. Das hält die Gehirnzellen frisch. So kann man dem Alter ein Schnippchen schlagen.