Konzertkritik

Philharmonisches Ständchen für Hans Werner Henze

Ein üppiges Ständchen war die Henze-Feier der Philharmoniker im Kammermusiksaal, vierstündig, gewaltig bekrönt von ihrer Orchester-Akademie unter Sir Simon Rattle mit Mahlers "Lied von der Erde". Dabei feiert der Komponist seinen 85. Geburtstag eigentlich erst im Juli.

Es gab Kammermusik zu Beginn, vorgetragen vom Scharoun-Ensemble mit Unterstützung zahlreicher Philharmoniker unter der sorgfältigen Leitung des jungen David Afkham. Als Solisten traten der hervorragende Gitarrist Jürgen Ruck und als stimmlich prachtvolle Überraschung der Tenor Andrew Staples an die Rampe. Sie lehrten alle vereint: die Zukunft der Musik hat längst begonnen. Einer ihrer Lehrmeister ist über die Jahrzehnte hin fraglos Hans Werner Henze geworden. Seine Kammermusik über Hölderlins Hymne "In lieblicher Bläue" stammt aus dem Jahr 1958, zeigt aber schon deutlich Henzes einzigartigen Lyrismus, er versteht es, in immer neuen Anläufen der Inspiration einen weiten Auslauf zu geben.

Diese Fähigkeit hat ihn zum bedeutenden Musikdramatiker des abgelaufenen Jahrhunderts werden lassen. Das hört man schon aus seiner Filmmusik zu Schlöndorffs "Der junge Törless" heraus, selbst noch aus ihrer Verdichtung zum Streichsextett. Das einleitende Adagio besitzt bereits den Schmerzenslaut der bitteren, leidvollen Lebenserfahrung. Aggressiv und umstürzlerisch, beinahe schon parodistisch geschminkt tobt sie sich im 2. Violinkonzert (1971) aus, von Guy Braunstein bestechend virtuos vorgetragen. Aber natürlich hieß die Siegerin des späten Abends Magdalena Kozená. Sie sang die Soli des Mezzosoprans in Mahlers "Lied von der Erde", diese auskomponierten Trauerfeiern des Menschseins.