Geitels Geschichten

Shakespeares' Hauskomponist

Als ich Sir William Walton kennenlernen durfte, war er schon über die Fünfzig hinaus und schon daher für mich eine Respektsperson. Dabei hatte ich noch keinen Ton seiner Musik gehört, zumindest nicht im Konzertsaal oder im Opernhaus.

Im Kino allerdings - Sir William war der Komponist, der die große, heimatvertriebene Elisabeth Bergner ins englische Kino-Asyl begleitete, indem er drei ihrer Filme auskomponierte. Dann aber schloss er engste Freundschaft mit Laurence Olivier und wurde sein Leibkomponist. Und gleichzeitig der Shakespeares. Walton schrieb die Filmmusik zu "Hamlet", "Heinrich V." und "Richard III".

Seit langem schon war England auf der Suche nach einem führenden, das Land repräsentierenden Komponisten gewesen: jemanden, der die Nachfolge von Ralph Vaughan Williams, Jahrgang 1872, antreten könnte. Walton war, eine runde Generation jünger, gerade der Richtige.

Glück muss man eben haben, denn das Pech lässt nie auf sich warten. In Waltons Fall war es auf den Namen Benjamin Britten getauft, der ihm sofort den Rang als führender Komponist Englands streitig machte, mit nachhaltigem Erfolg.

Ich traf Walton auf Ischia. Aber wen traf man in den fünfziger Jahren auf Ischia nicht? Es gab in Forio im Café von "Maria Internazionale" Abend für Abend ein wahres Prominentengerangel um einen Tisch. W. H. Auden, der angloamerikanische Lyriker, bestürmte den Feriengast Gustaf Gründgens, sie müssten sich doch wirklich beide kennenlernen, sie hätten doch nacheinander beide die selbe unsägliche Frau geheiratet, womit Erika Mann gemeint war. Arthur Koestler, mit einem Hauskauf auf Ischia kokettierend, machte zur Vorbedingung, die Glocken der benachbarten Kirche ein für allemal verstummen zu lassen. Prompt wurde nichts aus dem Hauskauf.

Inmitten dieses Trubels nahm sich Walton in seiner Großzügigkeit ganz bescheiden aus. Er war auf Ischia zuhause, hatte sich dort niedergelassen und schrieb ungestört seine Musik. Und dort ist er 1983 auch in wohlverdienter Seelenruhe gestorben. Gerade erst hat das Deutsche Symphonie-Orchester unter Leitung des hochbegabten Engländers Jonathan Nott Waltons 1. Sinfonie von 1934/5 in der Philharmonie zur Aufführung gebracht. Sein umjubeltes Bratschenkonzert hatte in London einst als Solist Paul Hindemith zur Uraufführung gebracht. An Hilfe hat es dem Walton von Anfang weit weniger gefehlt denn an Geld. Er konnte als angehender Komponist nur mit einer Jahreseinnahme von fünfzig Pfund rechnen. Deshalb war er gleich für anderthalb Jahrzehnte gratis bei den Sitwells untergekrochen, sozusagen als Bruder aus zweiter Hand. Die Sitwells waren damals tonangebend in England, vor allem durch Edith Sitwells herausfordernde Poesie. Prompt schrieb der junge Walton unter dem Titel "Facade" eine kongeniale Begleitmusik zu Ediths Rezitation. Sie gilt heute noch als Waltons unangefochtenes Meisterwerk. Als ich Sir William traf, hatte ihn seine Königin erst wenige Jahre zuvor in den Adelsstand erhoben. Er war ein Weltmann der Musik.

Klaus Geitel , Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern