Interview

"Ich reise um die Welt wie ein Känguru"

Drei Anfängerjahre hat Montserrat Caballé - die später zur populären Open-Air-Primadonna neben den Drei Tenören wurde - im kleinen Bremer Opernensemble verbracht. Dem deutschen Publikum ist die mittlerweile 77-Jährige immer treu geblieben. Seit einem Jahr feiert die spanische Sopranistin ihr Jubiläum "50 Jahre in Deutschland" - heute gastiert sie in der Philharmonie.

Martina Helmig sprach mit ihr.

Berliner Morgenpost: Sie könnten sich längst zur Ruhe setzen.

Montserrat Caballé: Ich bin nicht der Typ dafür. Warum sollte ich mich zu Hause aufs Sofa setzen? Ich brauche das Gefühl, immer weiter zu kommen. Ich möchte mein Repertoire entwickeln, den Fans neue Werke vorstellen, der Musik neue Freunde gewinnen. Es geht um die Liebe zur Musik und zu den Komponisten, nicht um die Karriere.

Berliner Morgenpost: Was treibt Sie an?

Montserrat Caballé: Ich empfinde großes Glück beim Singen. Musik ist eine wunderschöne Brücke, die die Menschen zusammenbringt. Jeder kann sie betreten, nicht nur eine kleine Gruppe von Klassikfreunden. Gerade in unserer Zeit, in der es überall so kalt ist, ist die Kraft der Musik etwas ganz Besonderes.

Berliner Morgenpost: Erinnern Sie sich an Ihren ersten Auftritt als Bremer Ensemblemitglied?

Montserrat Caballé: Mein Debüt gab ich 1959 mit "Ariodante" von Händel, und das war ein Traum. Aber bei meiner zweiten deutschen Vorstellung, nämlich "La Traviata", passierte etwas Unglaubliches: Das Bühnenpodest, auf dem wir Sänger standen, brach zusammen. Der Arzt kam, manche waren verletzt, aber nach einer Stunde sangen wir weiter. "Erst Unfall, dann Beifall" schrieben die Zeitungen damals.

Berliner Morgenpost: Wie war damals das Leben in Bremen?

Montserrat Caballé: Wir haben in der Parkstraße, in einer schönen, ruhigen und freundlichen Umgebung gewohnt. Meine Eltern und mein Bruder waren bei mir. Die Menschen dort haben uns auf Anhieb akzeptiert. Die ganze Atmosphäre war sehr warmherzig, auch im Theater. Ich habe besser deutsch gesprochen als heute, inzwischen habe ich leider manches vergessen. Mit diesen Anfangsjahren verbinde ich einige der schönsten Erinnerungen in meiner langen Karriere. Ich habe in Bremen noch Freunde aus der Zeit.

Berliner Morgenpost: Wie halten Sie heute Ihre Stimme fit?

Montserrat Caballé: Ach, ich tue eigentlich nichts Besonderes, jedenfalls nichts anderes als früher. Jeden Vormittag nach dem Aufstehen mache ich Atemgymnastik für die Muskulatur. Dann studiere ich, am Nachmittag übe ich noch einmal eine halbe Stunde. Auch wenn ich auf Reisen bin, muss ich jeden Tag trainieren und in Übung bleiben. Nur dann kann ich mich frei fühlen. Außerdem versuche ich, mich nicht zu erkälten. Dagegen habe ich leider kein Geheimrezept. Die vielen Reisen sind nicht ungefährlich, denn in den Flugzeugen ist es recht kühl.

Berliner Morgenpost: Haben Sie immer noch Lampenfieber?

Montserrat Caballé: Ja, schrecklich, immer und überall.

Berliner Morgenpost: Für wie viele Jahre im Voraus machen Sie Termine?

Montserrat Caballé: Im Moment bis 2013. Meinen 80. Geburtstag möchte ich auf jeden Fall auf der Bühne feiern. Achtzig oder neunzig Konzerte und Vorstellungen habe ich jedes Jahr. Es freut mich immer wieder zu erleben, dass mich die Leute noch lieb haben.

Berliner Morgenpost: Wie sehen Ihre Pläne aus?

Montserrat Caballé: Ich habe mir ein paar große Werke vorgenommen: Massenets "Marie-Magdeleine" in Rom und vom selben Komponisten "La Vierge" in Prag, dann "La reine de Saba" von Gounod. Ich darf nicht mehr als vier oder fünf Bühnenwerke pro Saison machen. Das haben mir nach meinen Herzanfällen die Ärzte gesagt. Aber ich gebe viele Konzerte in Japan, Amerika und Europa. Nach 20 Tagen Familienurlaub geht es dann nach Australien, Neuseeland, Manila, Dubai und Istanbul. Immer rund um den Erdball - wie ein Känguru.

Philharmonie: Heute, 20 Uhr