"Tal der Wölfe"

Der türkische Killer wütet in Jerusalem

Auf deutschen Kinoleinwänden darf Israel als Staat sadistischer Mörder dargestellt werden, die wehrlose Frauen und Kinder abschlachten. Das ist die Essenz der Entscheidung der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK), den türkischen Film "Tal der Wölfe - Palästina" für deutsche Lichtspielhäuser freizugeben, wenn auch erst ab 18 Jahren.

Dass der Streifen ausgerechnet am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, anlaufen sollte, hatte bei Initiativen gegen Antisemitismus wie bei einzelnen deutschen Politikern für Proteste gesorgt. Um einen Tag verspätet ist der dritte Teil der von aggressiv nationalistischer Ideologie geprägten Action-Film-Reihe "Tal der Wölfe" nun doch an den Start gegangen. In Berlin läuft er in zwei Multiplex-Kinos im Wedding und in Neukölln - Bezirke mit hohem türkischsstämmigem Bevölkerungsanteil. Im "Alhambra" im Wedding war die Vorstellung am Samstagabend um 19.45 Uhr eher spärlich besetzt: Rund einhundert Besucher, meist türkischsprechende junge Männer, folgten dem mit Untertiteln gezeigten Streifen. Wie streng die Volljährigkeit kontrolliert wurde, steht dahin.

Das Treiben auf der Leinwand rief wenig erkennbare Emotionen hervor, was an der plumpen Art dieses mit Gewalt vollgestopften Agitprop-Machwerks liegen mag, indem vom ersten Moment an die Rollen der Guten und Bösen festgelegt sind. Der türkische Geheimagent Polat Alemdar wird mit einigen Gefährten nach Israel ausgesandt, um die Verantwortlichen für das vermeintliche israelische Massaker auf dem angeblichen "Hilfsschiff für Gaza", der "Mavi Marmara", umzubringen. Gleich zu Anfang mäht der Trupp im belebten Jerusalem mal eben ein rundes Dutzend israelischer Soldaten nieder, weil ihnen ein Wachposten dumm kommt. Während die Israelis wahllos alle Zivilisten abknallen, die sich in Reichweite ihrer Maschinenpistolen befinden, federt der türkische Supermann mit blütenweißem Hemd unter dem tadellos sitzenden Anzug, unverwundbar durch den Kugelhagel. Die in voller Kampfmontur auflaufenden killt er mit jeweils nur einem Schuss, wie im Videospiel.

Ernster zu nehmen als die mörderisch-infantilen Allmachtsfantasien, die sich in der Figur Polat Alemdars austoben, ist die perfide ideologische Indoktrination in den kurzen Ruhepausen zwischen den Gewaltorgien. Der israelische Oberschurke, ein Offizier namens Moshe Ben Eliezer, und sein Spießgeselle Avi, ein weißhaariger Drahtzieher im Stil der antisemitischen "Protokolle der Weisen von Zion", schwadronieren mit Vorliebe über ihren Plan eines "Groß-Israel vom Euphrat bis zum Nil" und wälzen rassistische Theorien von "reinem jüdischen Blut".

Die Assoziation zu den Praktiken von KZ-Kommandanten dürfte beabsichtigt sein. In der typischen Projektion des Antisemitismus wird die eigene Vernichtungswut den Juden selbst unterstellt. Ein Lebensrecht, dozieren die als entmenschte Killer denunzierten Israelis, gebe es "nur für Juden", Araber gelten für sie als "Tiere". Palästinenser erscheinen dagegen als friedfertig-fromme Opfer.

Dieses bösartige Zerrbild des Nahost-Konflikts dient im Grunde nur als Staffage für die ultranationalistische Kernbotschaft von "Tal der Wölfe": Die Türken, so lautet sie, sind ein ebenso moralisch integeres wie starkes Rettervolk (Armenier und Kurden dürften das anders sehen), das zur Verteidigung der unterjochten Muslime in aller Welt ausersehen ist.

Die Message, die die wachsende außenpolitische Großmannssucht der türkischen islamistischen Regierung widerspiegelt, müsste eigentlich alle Alarmglocken schrillen lassen. Dass ein derartiger Film in Deutschland gezeigt werden darf, lässt immerhin sichtbar werden, welcher haarsträubenden Agitation heutzutage nicht nur auf die türkische Gesellschaft, sondern auch die türkisch-deutsche Community einprasselt.