Märkisches Museum

Archäologie des Haushaltsbuchs

Je weniger Geld man hat, desto genauer muss man damit haushalten. Das weiß die Kaufmannstochter Ursula Kleinmichel, und so beginnt sie im Juni 1943, jeden Pfennig Einnahmen und Ausgaben penibel zu notieren. Die Berlinerin führt diese Angewohnheit fort bis ins hohe Alter: Insgesamt sind Haushaltsbücher für 49 Jahre erhalten, von 1943 bis 1992.

Dieser wahrscheinlich einzigartig detaillierte Bestand zum Berliner Alltagsleben gehört zu den Schmuckstücken der neuen Ausstellung "Was darf's denn sein? Kinderträume Kaufmannsläden", die jetzt im Märkischen Museum zu sehen ist.

Schenkungen für das Bürgermuseum

Die 33 Kladden schenkten die Morgenpost-Leser Hans-Ulrich und Monika Bottermann auf Vermittlung dieser Zeitung im vergangenen Herbst dem Stadtmuseum. Ihre Verwandte Ursula Kleinmichel war am 1. August 2010 im Alten von 96 Jahren gestorben. Für Peter Matuschek, den Fachbereichsleiter Alltagskultur in der Stiftung Stadtmuseum, ist das nichts Ungewöhnliches: "Wir sind ein Bürgermuseum." Schenkungen sind ganz normal für ihn: "Ich lebe gewissermaßen vom Generationenkonflikt. Viele ältere Menschen sagen: ,Meine Kinder werfen meine Sachen ohnehin weg, wenn ich mal tot bin. Dann stifte ich es lieber dem Museum.'" Aber natürlich sind nicht alle Nachlässe museumstauglich. Sie müssen etwas Besonderes dokumentieren - wie Ursula Kleinmichels Spaltenbücher.

"Die über ein ganzes Leben hin penibel geführten Haushaltsbücher geben tiefe Einblicke in ein individuelles Berliner Schicksal und erschließen vergangene Lebenswelten unserer Stadt", sagt Franziska Nentwig, die Generaldirektorin der Stiftung Stadtmuseum: "Kein literarisches Kunstwerk, aber eine authentische Lebensgeschichte. Eine Fundgrube für unsere Arbeit!"

Genau 195 Reichsmark monatliches Gehalt bekam die Bürokauffrau Ursula Kleinmichel im vierten Kriegsjahr. Davon musste sie sofort jeweils 23.40 RM für Steuer und Krankenkasse beiseite legen. Außerdem hatte sie sich vorgenommen, möglichst ein Fünftel ihres Einkommens "eisern zu sparen" - und hielt das auch durch bis Juni 1944. Als sie aber ab Juli eine deutliche Gehaltserhöhung bekam, auf immerhin 239 RM pro Monat brutto, blieb sie bei 39 RM Sparrate.

Jede einzelne Ausgabe verzeichnete Ursula Kleinmichel. Daher lässt sich nachlesen, was ein Friseurbesuch im Kriegsjahr 1943 kostete (2,80 Reichsmark) und wie teuer Haarefärben war (8,50 RM). Genau 3,90 RM gab die begeisterte Tennisspielerin im Juli für ihr Hobby aus, eine große Dose Nivea kostete 50 Pfennig und das Opern-Abonnement pro Monat 12,40 RM.

Deshalb sind sie auch die perfekte Ergänzung zu der neuen Teilausstellung, die rund 40 Kinderläden aus der Sammlung des Stadtmuseums zeigt. Die ältesten Stücke stammen aus dem Biedermeier, also der Zeit um 1820, dem "Goldenen Zeitalter" des preußischen Staates unter König Friedrich Wilhelm III. Doch die Schau bietet noch mehr: Sie illustriert, wie sich die Alltagsbeschäftigung Einkaufen im Laufe der Zeit verändert hat. Die Emailleschilder aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg etwa sind auf den ersten Blick zu unterscheiden von jenen aus den zwanziger Jahren, als Berlin zusammen mit New York weltweit die modernste Metropole war. Doch das Einkaufen selbst hatte sich kaum verändert: Nach wie vor ging man zu kleinen Lebensmittelläden meistens buchstäblich um die Ecke. Einer der Kinder-Kaufmannsläden zeigt das Haus eines solchen Kleinhändlers, wie es typisch für Berlin war; dahinter illustriert ein Foto eines ähnliches Geschäftes aus der Landsberger Allee, dass die Geschäfte tatsächlich so aussahen.

Bis nach dem Zweiten Weltkrieg hinein blieben kleine Einzelhändler die wichtigste Versorgungsstelle für die Berliner, neben Marktständen und dem Selbstabholen beim lokalen Bauern, was aber praktisch nur an den Rändern der Außenbezirke möglich war. Als am 27. August 1939, vier Tage vor Hitlers Überfall auf Polen die Rationierung von Lebensmitteln eingeführt wurde, änderte sich daran wenig. Nun mussten zwar offizielle Lebensmittelmarken abgegeben werden bei jedem Einkauf, aber ansonsten änderte sich wenig. Allerdings lockerten die Nazis die seit 1938 auf sieben Uhr morgens bis 19 Uhr abends beschränkten Öffnungszeiten etwas: Lebensmittelgeschäfte durften bis 20 Uhr öffnen, damit alle Berliner ihre jeweils nur wenige Tage gültigen Lebensmittelmarken nutzen konnten.

Neben den Kaufmannsläden, die heutigen Kindern (und Erwachsenen) das vergleichsweise winzige Angebot vor 75 oder 80 Jahren vor Augen führen, gibt es weitere spannende Neuentdeckungen im Zusammenhang mit der Ausstellung. Zum Beispiel galt ein Geschäft der Firma Meyer an der Steglitzer Schlossstraße als erster Selbstbedienungsladen in Berlin; es wurde 1953 eröffnet. Nun aber stießen Matuschek und seine Kollegen auf Fotos und Quellen, die belegen: Der erste "Supermarkt" lag in Wirklichkeit in Treptow. Der "Konsum" an der Elsenstraße stellte 1951 als erstes Geschäft Berlins auf Selbstbedienung um. Das änderte zwar am Lebensmittel-Mangel in der DDR nichts - die Rationierung wurde hier erst Ende der fünfziger Jahre aufgehoben, während in West-Berlin schon bald nach Blockade und Luftbrücke alle Lebensmittel frei käuflich waren. Aber es ist ein interessantes Detail, das dieser Import aus den USA ausgerechnet auf der anderen Seite des "Eisernen Vorhanges" zuerst ankam.

Einkaufswagen als Konsum-Symbol

Eine weitere Entdeckung der Ausstellung betrifft die Einkaufswagen. Sie sind nämlich seit ihrer Einführung in Deutschland immer größer geworden. Im Märkischen Museum steht ein kleiner Drahtkorb mit Rollen, der unter den heute üblichen Großeinkäufen sicher zusammenbrechen würde. Dieses Exponat wie viele andere dürfen die Besucher sogar anfassen - ganz untypisch für ein Museum. Die Haushaltsbücher von Ursula Kleinmichel allerdings hängen gut gesichert an den Wänden. Sie sind als Dokumente über das Alltagsleben Berlins viel zu wertvoll.

Märkisches Museum , Am Köllnischen Park 5, Mitte. Di u. Do-So 10-18, Mi 12-20 Uhr, Mo geschlossen. Tel. 24 002 162