Interview mit Liselotte Pulver

"Es ist ein gefährlicher Film"

Noch bis nächsten Sonntag läuft im Kino Babylon die erste vollständige Retrospektive von Billy Wilder-Filmen in Berlin - und der Hit ist "Eins, zwei, drei", worin der US-Star James Cagney als Coca-Cola-Verkäufer versucht, sein Getränk hinter den Eisernen Vorhang zu exportieren.

Einziger noch lebender Star des Films ist Lilo Pulver. Nun 81, residiert sie in Bern - und kramt in ihren Erinnerungen. Hans-Georg Rodek sprach mit ihr.

Berliner Morgenpost: Mögen Sie eigentlich Coca-Cola?

Liselotte Pulver: Meine Antwort kostet 100 000 Franken! (gefolgt von dem Pulver-Lachen)

Berliner Morgenpost: Soviel habe ich nicht dabei. Aber ich las, dass Sie gern Tee aus Kräutern Ihres eigenen Gartens trinken.

Liselotte Pulver: Das habe ich von meinem Vater, der Kräuter sammelte. Aber ich bin auch Schwarzteetrinker und genehmige mir am Nachmittag gern einen Kaffee.

Berliner Morgenpost: Wie ist Wilder auf Sie gekommen?

Liselotte Pulver: Wir waren vorher in Paris mal essen und haben uns halb tot gelacht. Wahrscheinlich hat er sich auch die "Spessart"-Filme angesehen. Ich war damals der Nummer-zwei-Star in Deutschland, und das spielte bei der Besetzung sicher eine Rolle.

Berliner Morgenpost: Bloß Nummer zwei!?

Liselotte Pulver: Nummer eins war Ruth Leuwerik.

Berliner Morgenpost: Im Vorspann von "Eins, zwei, drei" stehen Sie als "Lilo Pulver". Alle anderen Filme führen Sie als "Liselotte".

Liselotte Pulver: In Amerika haben sie mich umgetauft in "Lilo". In meinem ersten US-Film "Zeit zu leben und Zeit zu sterben" war ich noch Liselotte, aber die dortige Presse hat mich sofort zu "Lilo" gemacht.

Berliner Morgenpost: Von den vielen deutschen Schauspielern, die Wilder einsetzte, sprechen Sie eindeutig das beste Englisch.

Liselotte Pulver: Ich hatte schon in der Schule kaum einen Akzent, denn wir hörten die amerikanischen Sender im Radio. Dort habe ich die Aussprache gelernt. Auch im Französischen habe ich wenig Akzent. Vielleicht ist es eine Sprachbegabung. Für irgendetwas muss man ja ein Talent besitzen.

Berliner Morgenpost: Zur Legende um den Film gehört, dass die Dreharbeiten unterbrochen werden mussten, weil die Mauer gebaut wurde...

Liselotte Pulver: Nun, man konnte von einem Tag zum anderen nicht mehr durchs Brandenburger Tor fahren. Das spielt bekanntlich eine Hauptrolle im Film. Wir haben das Tor dann in München-Geiselgasteig nachbaut und dort weiter gedreht.

Berliner Morgenpost: An dem berühmten 13. August 1961 war also die ganze Crew in Berlin.

Liselotte Pulver: Ja, wir sind aber bereits am 14. oder 15. nach München umgezogen und haben noch rund zwei Wochen gedreht.

Berliner Morgenpost: Ein Tag der Zeitgeschichte. Woran erinnern Sie sich im Detail?

Liselotte Pulver: An gar nicht so viel, denn ich habe an diesem Tag nicht recht begriffen, welche riesige Bedeutung der Vorgang erlangen sollte. Für uns war zunächst nur wichtig, dass unser Weg durchs Tor versperrt war.

Berliner Morgenpost: Es gibt eine ganze Reihe von Szenen mit Kontrollen auf der östlichen Seite des Tores. Sehen wir da immer das Münchner Ersatztor?

Liselotte Pulver: Nein, einiges ist schon original Berlin. Die Großaufnahmen stammen aber aus München. Haben Sie übrigens einen der Vopos erkannt, der den Wagen kontrolliert, in dem wir gen Osten fahren?

Berliner Morgenpost: Nein. Wer war das?

Liselotte Pulver: Mein Mann, der Schauspieler Helmut Schmid. Er beobachtete den Dreh, und Billy hat ihn vom Fleck weg engagiert.

Berliner Morgenpost: Für die Szene, in der Sie zum Hotel Potemkin fahren, wo Sie dann den Tanz auf dem Tisch hinlegen?

Liselotte Pulver: Bei genau dieser Kontrolle.

Berliner Morgenpost: Wer hat Sie in das groß gepunktete Kostüm gesteckt?

Liselotte Pulver: Der Kostümbildner oder Billys Frau Audrey, ich weiß nicht mehr genau. Es wurde auf mich zugeschneidert, und dann erfand man noch den schönen Busen.

Berliner Morgenpost: War da etwas zu erfinden?

Liselotte Pulver: Da musste man schon etwas nachhelfen. Aber nicht so viel wie bei den Luftballons, die Hanns Lothar als Lilo Pulver unter sein Kleid steckt.

Berliner Morgenpost: In den Punkten haben Sie Ihren legendären Tanz auf dem Tisch gelegt.

Liselotte Pulver: Den hatte ich lange vorher einstudiert, mit einem Tänzer. Das hat Billy dann so gut gefallen, dass er die Szene ausbaute.

Berliner Morgenpost: Vor dem Mauerbau haben Sie auch im Osten gedreht. Das muss den echten Vopos doch aufgefallen sein.

Liselotte Pulver: Wilder hatte natürlich die Erlaubnis eingeholt bei den Ost-Berliner Stellen.

Berliner Morgenpost: Und Ihnen das Drehbuch vorgelegt?!

Liselotte Pulver: Das nehme ich schon an. Wissen Sie, die Filmleute sind ein besonderes Völkchen. Die im Osten haben das womöglich auch sehr komisch gefunden. Sie werden auch bezahlt worden sein. Vielleicht auch ein bisschen großzügiger, als die Vorschriften es verlangten. Außerdem war Billy in der DDR bestens bekannt.

Berliner Morgenpost: Waren Sie auch privat im Osten?

Liselotte Pulver: Ich bin oft mit meinem Wagen durchs Brandenburger Tor gefahren und dann die Stalin-Alle hoch und runter gebraust. Etwas Sensationslust war dabei, denn ein wenig gefährlich schien mir das doch, allein im Osten herumzukurven.

Berliner Morgenpost: Wie haben Sie James Cagney erlebt, den Hauptdarsteller, eine Ikone Hollywoods?

Liselotte Pulver: Er war unglaublich. Er hatte seitenlange Dialoge am Stück in einem unglaublichen Tempo aufzusagen, und einmal haben wir eine Szene dreißig Mal gedreht, und immer kam etwas dazwischen. Wir haben abgebrochen und am nächsten Tag neu begonnen und nach zwanzig weiteren Versuchen war sie dann endlich im Kasten. Wenn mal wieder abgebrochen wurde, hat Cagney nicht zu schimpfen begonnen, sondern bloß mit seinen Münzen in der Hosentasche geklimpert und gesagt: "Okay, once more". Dann, vielleicht beim 45. Versuch, lief alles gut - und in der vorletzten Sekunde ging ein Bühnenarbeiter durchs Bild. Können Sie sich das vorstellen!? So etwas Entsetzliches für einen Schauspieler habe ich nie wieder erlebt. Auch mit Horst Buchholz hat Billy eine Szene zwanzigmal wiederholt, und als er endlich zufrieden war, fragte Buchholz "War's jetzt besser?". Da antwortete Billy: "Nein, schneller".

Berliner Morgenpost: Im Prinzip war "Eins, zwei, drei" Cagneys letzter Film. Hat sich das damals schon angedeutet?

Liselotte Pulver: Überhaupt nicht. Ich glaube, er hatte danach einfach genug. Er war über sechzig, und der Film bedeutete für ihn eine wahnsinnige Anstrengung. Und war zudem anfänglich ein Misserfolg. Er hat den späteren Erfolg aber noch erlebt.

Berliner Morgenpost: Was machen Sie für den anfänglichen Misserfolg verantwortlich?

Liselotte Pulver: Den Mauerbau. Das war ein irrsinniges Pech.

Berliner Morgenpost: Hat das auch mit dem teils bösen Humor zu tun, der nicht nur gegen den Osten, sondern auch gegen den Westen schießt?

Liselotte Pulver: Nicht der Humor ist böse. Das Thema ist brutal. Das Thema hat einen solchen Humor verlangt. Hinter den halsbrecherischen Wortgefechten steht die gefährliche Wahrheit der damaligen Situation. "Eins, zwei, drei" ist kein Lustspiel, sondern ein gefährlicher Film. Wenn ich Kurt Hoffmann, den Regisseur meiner "Spessart"-Filme, zitieren darf: "Der Humor ist eine ernste Sache".