Nachruf

"Er war wie ein Vater für mich"

Ich war gerade auf dem Weg Til Schweigers "Kokowääh"-Premiere, als ich von Bernd Eichingers Tod erfuhr. Von einem Produzenten, der das auch erst zwei Minuten vorher erfahren hatte. Das hat mich völlig unvorbereitet getroffen, das war ganz schrecklich. Ich bin dann zwar noch ins Foyer, aber den Film konnte ich mir nicht mehr anschauen, daran war gar nicht zu denken.

Seit ich mit ihm Michel Houellebecqs "Elementarteilchen" verfilmt habe, ist er, bewusst oder nicht, ein wirkliches Alter Ego von mir geworden. Das war zwar unser einziger gemeinsamer Film, aber ich erwische mich seither immer wieder dabei, wie ich mir überlege, was der Bernd jetzt wohl dazu sagen würde. Ich sehe ihn dann lachen oder den Rotstift ansetzen. Der sitzt irgendwie ständig in meinem Hinterkopf. Er war wie ein Vater, ein Vaterersatz auf künstlerischem Gebiet. Keine Ahnung, ob wir je noch einmal was zusammen gemacht hätten. Wir hatten jedenfalls nichts am Köcheln. Aber dennoch standen wir in einem regen Austausch. Der Bernd war ein herzlicher großartiger Mensch, er hatte ein sehr warmes, inniges Verhältnis zu allen Künstlern, mit denen er gearbeitet hat. Die sind ihm ans Herz gewachsen, mit allen Schwächen und Fehlern.

Und umgekehrt war das genauso. Er war noch ein richtiger Produzent alten Schlags, er ist ja nie auf irgendeine Welle aufgesprungen, er hat immer selber welche kreiert. Er hatte immer auch ganz klare Vorstellungen. Und dann war er natürlich auch, sagen wir mal, der Mastermind. Er wollte Klarheit haben, wie der Film daher kommen sollte. Das durfte er aber auch mit Fug und Recht so machen. Die meisten Produzenten sind ja eher auf die Künstler und angewiesen und am Ende schmücken sie sich mit einem Produkt, mit dem sie eigentlich nicht viel mehr zu tun hatten, als ein bisschen Geld und Connection springen zu lassen. Der Bernd dagegen hat die Dinge wirklich selbst entwickelt und vorangetrieben; er war im Grunde der Autor seiner Filme.

Das war sicher auch bei unseren "Elementarteilchen" so. Auf der Kritikerseite wurde ja lange darüber gespottet, es wurde auch versucht, das ins Verächtliche zu ziehen: dass der Roehler vom Eichinger gestutzt wird. Dabei war das gar nicht so, ich habe es jedenfalls nicht so empfunden. Und wenn, dann wäre Eichinger sowieso der einzige gewesen, der so was überhaupt tun durfte. Der wusste halt, wo es langgeht, teilweise sogar besser als die Regisseure selber. Man muss sich Regisseure auch nicht immer als die intelligentesten Wesen bei einer Filmproduktion vorstellen. Schauen Sie sich die Kollegen doch mal an!

Natürlich ist das auch nicht ohne Anstrengung, wenn ein Produzent am Set dabei ist. Ich bin jedenfalls regelrecht allergisch, wenn man mich am Drehort zu lange beobachtet. Aber das hat der Bernd dann auch gar nicht gemacht: Der hat sich die meiste Zeit die Muster angeguckt und dann angerufen. Wenn er dann gesagt hat: Mach noch eine größere Nahaufnahme, dann hast du das halt gemacht. Und am Ende, das muss ich wirklich sagen, hat es auch immer gestimmt, hat es den Film intensiviert. Der Bernd wusste einfach, wovon er gesprochen hat. Der hat nie so einen klugscheißerischen Mist erzählt, sondern berechtigte Kritik geübt, manchmal auch harsche, manchmal auch brutale Kritik. Die musste man an bestimmten Tagen einfach mal ertragen. Damit musste man umgehen, da durfte man nicht so zartbesaitet sein.

Die Lücke, die er jetzt hinterlässt, ist eine gewaltige. Ich würde sogar sagen, dass jetzt ein Gezeitenwechsel stattfindet. Mit ihm ist, vonseiten der Produzentenseite, der letzte große Kopf der Filmindustrie verloren gegangen. Es gibt jetzt noch, pardon, einen Haufen Technokraten, aber in ganz Deutschland keinen mehr wie ihn, keinen von seinem Format.